Ludwig Diemer

Erbauer des Hanauerdoms

Ludwig Diemer

„Neben Hermann Behagel war Ludwig Diemer in Baden der bedeutendste Vertreter spezifisch protestantischer Sakralarchitektur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der 828 in Heidelberg geborene Schüler des großen Baumeisters Heinrich Hübsch (Hervorhebung von V. Kubach; die r.k. Kirche in Rheinbischofsheim stammt übrigens von H. Hübsch!). übernahm 1865 die Leitung der neugegründeten evangelischen Kirchenbauinspektion Karlsruhe. Von seinem Schaffen in den nächsten drei Jahrzehnten zeugen Renovierungsarbeiten, z.B. an der Altstädter St. Martinskirche in Pforzheim , wo er das wertvolle mittelalterliche Tympanon des romanischen Portals erhielt; von seinen Kirchen sind erwähnenswert die Christuskirche in Lahr , die Kirchen in Eppingen , in Freiburg , in Gaggenau und der gewaltige Zentralbau in Rheinbischofsheim, dem man nicht zu Unrecht den Namen „Dom des Hanauerlandes“ gegeben hat. Ein Jahrzehnt vor seinem letzten Bauwerk, der 1889 errichteten Johanniskirche in der Karlsruher Südstadt, arbeitete Diemer die Pläne für das Gotteshaus der evangelischen Kirchgemeinde Ettlingen aus, und auch dabei hat er, wie sein erster Biograph lobend erwähnte, „bemerkenswertes Maßhalten geübt, mit dem vorhandenen Fonds zweckmäßig disponiert und ein Gotteshaus von guter Akustik geschaffen.“ Es gehörte zur Arbeitsweise Ludwig Diemers, daß er noch vor dem Baubeginn der Kirchengemeinde eine genaue Darstellung über Größe und Raum der Kirche und über den Kostenaufwand lieferte.

(Mit freundlicher Unterstützung durch das evang. Pfarramt der Johannesgemeinde in Ettlingen über das dort erschienene Buch zur Johanneskirche 1880 – 1980; Festschrift H.L.Zollner)

 

Brief bzw. Bericht von dem Erbauer der Kirche an den Oberkirchenrat in Karlsruhe.
Darunter die 'Übersetzung' des Dokumentes.

 

Karlsruhe, am 6. September 1872

Evangel. Kirchenbauinspektion
Carlsruhe.

Bericht.
Der Neubau der Evangelische Kirche zu Rheinbischofsheim.

Betr.

Hohen Auftrag vom 26.Mai der Nr.35…entsprechend, legen wir die Pläne und Voranschläge für den Neubau der evang. Kirche in Rheinbischofsheim zur hochgefälligen weiteren Entschließung vor.

Die Seelenzahl der Gemeinde Rheinbischofsheim nebst den zugehörigen

Filialorten Hausgereuth und Holzhausen, beträgt 1857, die neue Kirche muss deshalb für 1857 x 7/12. = 1885 Kirchenbesucher Sitzplätze enthalten.

Das Außmaß der Bänke nach vorliegenden Projekten, ergibt in der Kirche 1317 auf den Emporen 641.. zusammen 1958 laufende Fuß Bänke, was 1958/1,8 = 1080 Sitzplätze ,also ziemlich genau der gesetzlichen Bestimmung entspricht.

Es lassen sich jedoch bei vermehrtem Kirchenbesuch, wenn nötig durch Vorbänke hier noch eine erhebliche Anzahl an Plätzen gewinnen.

Wir haben eine Anlage gewählt, nach der die Sitzplätze möglichst nahe der Kanzel gelegt werden können, und das Anbringen umfangreicher Emporen ermöglicht. Dadurch wird die Kirche nicht zu groß und namentlich nicht zu lang, was für das Verständnis der Predigt von Einfluss ist und die Baukosten ermäßigt.

Ähnliche Anlagen wurden in den letzten Jahren ,namentlich in Berlin, für mittelgroße Kirchen mehrfach mit Erfolg verwendet.

Der Mittelbau ist erhöht um durch das günstig wirkende Oberlicht das Innere noch mehr zu erhellen. Im Übrigen konnte die Architektur in ganz einfacher Gliederung gehalten werden, die sowohl das Äußere als auch das Innere schon durch eine sichere Gruppierung auszeichnen wird.

Die Ausführung haben wir uns, in Übereinstimmung mit dem in der Eingabe des Kirchengemeinderates vom 26.Mai.ausgesprochenen Wunsches, in Elsässer Sandsteinen gedacht, da die nächsten Badischen Brüche keine genügenden Steine und sehr wahrscheinlich auch nicht in der genügenden gleichförmigen Menge vergeben, die Wasserfracht auf den Elsässer Kanälen aber unerheblich ist.

Wir würden die Stellung des Gebäudes so wählen, dass die Hauptachsen ,wie aus dem Situationsplan ersichtlich, nicht ganz mit jener der Kirchstrasse zusammenfällt, und zwar aus folgendem Grund:

Der Turm mit Hauptportal kann dadurch etwas mehr gegen die Mitte des Platzes vorgerückt werden, ohne dass die Kirche selbst dem Pfarrhause näher käme. Alsdann ist der Ankauf des zur Linken der Kirche befindlichen Hauses bei dieser Stellung nicht unbedingt nötig, obgleich wir den Abbruch nach Vollendung der Kirche für sehr wünschenswert halten. Die etwas schräge Stellung des Gebäudes würde auch von der Hauptzugangsstr. einen Hauptüberblick über die ganze Kirche ermöglichen, und eine malerische Wirkung hervorbringen.

Wir haben die Pläne im verflossenen Spätjahr einer mündlichen Verhandlung mit dem Kirchengemeinderat und dem Vertreter der politischen Gemeinde zu Grunde gelegt und erklärten sich einstimmig für dieses Projekt.

Die Gesamtkosten werden sich, nach dem angeschlossenen Voranschlag, ohne Frohnden, für das von dem Kirchenwerk zu erstellenden Langhaus, auf rund 55000 fl, für Thurm und Chor und Sakristei ,wozu der Ortsbaufond baupflichtig ist, auf rund 18000 fl. belaufen, und haben wir dabei die Preisansätze dem heutigen Stande der Baupreise entsprechend angenommen.

Diemer.