1923.4
Rheinbischofsheim, Holzhausen, Hausgereuth.
Fest der Glockenabholung. Nach anregendem Harren, das sorgfältigen Vorbereitungen diente, feierte unser Kirchspiel einen erhebenden Tag ernster Freude. Alles war unterwegs, trotz des Werktages und des üblen Wetters sich zu beteiligen: es war ein Fest, wie es lange nicht gewesen und wohl lange nicht mehr sein wird! Am 31. Januar holte ein Festgeleite die zwei bestellten Klangstahlglocken in Kork ab, wohin sie geleitet worden waren, um allen Gemeinden des Kirchspiels, vorab Holzhausen und Hausgereuth, die Freude der festlichen Abholung mitzuteilen. Voraus 20 Reiter, auf mutigen Rossen, stolz geziert in der prächtigen Hanauertracht, ein wohl nirgends in dieser großen Teilnehmerzahl gesehener stattlicher Anblick. Es folgte der Trachtenwagen mit gegen 20 jungen fröhlichen Leuten, ihm nach der sinnig bekränzte Glockenwagen mit der ganz großen und der kleinsten Glocke. Daran schlossen sich die Wagen der Begleitung an, in denen die Herren Gemeinderäte und Kirchengemeindevertretung, die Glocken in Kork mit abholten. Über Kork, Bodersweier, Zierolshofen, allwo man sich beschauen ließ, gings nach Holzhausen, wo der Gemeinderat, der Geistliche, die Schüler mit ihren Herren Lehrer, welche den Glocken schon entgegengegangen waren und sie bekränzt hatten, vor dem sinnig geschmückten Rathause, sowie die Gemeindeglieder mit Gesang des Männer- und Schülerchores, Gedichtvorträgen über die Glocken, und Ansprachen des Geistlichen und Bürgermeisters Dietrich den Zug begrüßen. „Die Glocken ziehen durch Holzhausen nach dem Pfarrerort und der Kirche Rheinbischofsheim und wollen die Herzen, vor allem die Filialgemeindeglieder, dorthin nach sich ziehen! Klingt die große Glocke einmal bis nach Holzhausen hinauf, dann möge sie Widerhall im oberen Teil des Kirchspiels finden!“ Das war der Sinn der Begrüßungsreden.
In Holzhausen verzögerte sich der Zug durch neue Begleitung. Hausgereuth hatte bei der Blechnerei Ernst seine Einzugspforte mit einem lieblichen Kranzgewinde geschmückt. Unterdessen waren die Schulen: Volksschule und Realschule, sowie die Vereine, am Ortseingang von Hausgereut eingetroffen. Dort wurden die Glocken durch einen Segensspruch des Ortsgeistlichen und dem Gesang des Schülerchors der Real- und Volksschule: „macht hoch die Thür, die Thore weit“ (V.1 u. 4) bewillkommnet. Dann ging voraus die stattliche Reiterschar, die Schulen mit ihren Lehrern, der Trachtenwagen an der Spitze, zum Einmarsch. Die drei Gemeinderatskollegien und der Synagogenrat hatten ihren Platz vor dem mit vier schmucken Schimmeln bespannten Glockenwagen, auf dem noch drei kleine Pärchen in Tracht die bekränzten Glocken umsäumten, was jedes Zuschauerherz besonders erfreute. Ihm folgten der Kirchengemeinderat mit dem Geistlichen, 9 christenlehrpflichtigen Mädchen in Sonntagstracht, um später die Glocken poetisch zu begrüßen, die begleitenden Wagen und die stattliche Reihe der Vereine, deren Zug die schmucke Turnertracht einen schönen Abschluß gab. Man marschierte hinten durch Hausgereut an der Kapelle vorbei, deren Glöcklein die Schwestern grüßte, über die Hotzelreute unter der bekränzten Pforte bei der Gärtnerei Hügel hindurch, an Post, Rathaus und Realschule vorbei vor die Kirche, wo alle Festteilnehmer in bester Ordnung aufgestellt, einen prächtigen Rahmen für den in der Mitte aufgefahrenen Glockenwagen abgaben. Herrn Gemeinderat L. Lacker verdankt man die pünktliche Abwicklung der festlichen Glockeneinholung. Nach gemeinsamem Gesang: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,“ und dem Eingangsgebet entbot Herr Bürgermeister Hauß der Versammlung den Willkomm und sprach den wichtigen und inhaltsvollen Wunsch aus, daß das schwere Werk in schwerer Zeit edel zu Ende gebracht werden möge.
Der Geistliche begrüßte sodann die Glocken und ließ die Glocken die Gemeinde grüßen nach ihrer dreifachen Inschrift. Ein Opfer für die Gemeinde war die Hergabe der alten schönen Glocken; tief griffen die Opfer an treuen Vätern, Söhnen und Brüdern in die Häuser der Gemeinde ein: darum trägt die größte Glocke als erste Zeile die Zuschrift: „Geopfert in schwerer Zeit“. Gemeinsamer Opfersinn aber erweckte die neuen Glocken. Anerkennung und Lob ist der vorbildlichen Eintracht in der Beratung der Glockenbeschaffung zu spenden; vor allem sahen wir unsere israelititischen Mitbürgern, die sich mit rückhaltsloser Zustimmung zu dem Werke gestellt, an der Feier sich beteiligten. Darum die Inschrift der kleinsten Glocke: „Haltet Frieden untereinander!“
Aber ebenso hat die Liebe ferner, einst hier geborener Freunde, vor allem in Amerika, uns geholfen: die ersten Anregungen, die ersten und größten persönlichen Gaben, kamen von ihrer Seite; ihnen zur Ehre und Freude ward die zweite und dritte Zeile der Inschrift auf die größte Glocke gesetzt: „Aus Heimatliebe geweiht! Gestiftet von Rheinbischofsheim, Holzhausen, Hausgereuth und Freunden aus Amerika.“
Ein sinniges Begrüßungsgedicht, von 9 christenlehrpflichtigen Mädchen vorgetragen in heimatlicher Mundart gab der allgemeinen Stimmung und Hoffnung beredten Ausdruck. Männergesangverein und Schule bereicherten mit ihren Chören die Feier, welche mit Gebet und gemeinsamem Gesange schloß. Die Versammlung ging auseinander mit heller Freude im Herzen, mit dem Vorsatz, diesen Tag nicht zu vergessen und mit dem Wunsche, daß die Glocken ohne Schaden und Unfall ihre Wohnung in unserem sehr hohen Turme beziehen möchten!
Nicht geringe Umbauten an dem zu erweiternden Glockenstuhl, Neuaufmontierung der dagebliebenen 12-Zentnerglocke, welche infolge eines erst jüngst entdeckten Schadens vor dem nahen Absturz stand, verursachen erhebliche Nebenkosten und zeitraubende Arbeiten! Möge auch die mächtig tätig gewesene Opferwilligkeit und Liebe den einheimischen und den ferneren Freunden jetzt nicht erlahmen, wo wir vor der Vollendung des auch von ihnen ersehnten, schweren Werkes in Deutschlands bösester Zeit stehen!
Und wir müssen, tiefbeschämt sogar danken für überreiche Gaben: Herr Fred Wendling in Buffalo sandte nicht nur 200000 Mark für Glocken, sondern einen mehrfachen Betrag hiervon für die Schulden und Bauschmerzen der Kirchengemeinde und Verschönerung des Inneren der Kirche. Herzerquickende und aufrichtende Worte und Thaten verdanken wir diesem fernen und treuen Freunde, wie auch Frau Elise Wolf in New-York mit ihren Schwestern, Frau Degenhardt, Frau Kunz und Frau Schmolber, geb. Kammerer, mit ihren großen Gaben von 105000 Mark für Glocken und andere Zwecke, innig bedankt seien, ohne ihren zahlreichen früheren Gaben, auch an den bedrängten Frauenverein, nicht zu vergessen. Dollar- und Frankenbeträge sandte Herr Anton Ketterer in Cornill, Herr Georg Schutter (von Holzhausen) und Herr Ludwig Großholz, beide in Exil, Herr Willi Scherwitz mit Freunden in Cleveland, Frau Wein, geb. Waag und John Trück in Philadelphia

Startseite - Geschichten - Inhaltsverzeichnis - Personenverzeichnis - Sachverzeichnis