Bericht von Hermann Maas über seine Vikariatszeit hier in Rheinbischofsheim / Holzhausen Ende 1900 und 1901; der handschriftliche Text wurde von Markus Geiger, Bildungsreferent Tagungsstätte Löwenstein, transkribiert (mit Hilfe seiner 93. jährigen Großmutter!) und mir Ende Januar 2010 übersandt. Wir sind über diesen aufschlussreichen Bericht aus der Hand „unseres“ ehemaligen Vikars von Herzen dankbar – und geben diesen Dank an Herrn Geiger weiter mit dem Wunsch, daß er noch viele solcher aufschlussreichen Texte von Hermann Maas entdeckt! Im Bericht zeigt sich Hermann Maas als ein Lernender. Er ist bereit, sich von den Menschen hier in Frage stellen zu lassen und orientiert seine Theologie an ihnen. Der Heldenarchetyp scheint in ihm – so seine Lektüre – berührt zu sein. Darum greift er immer wieder beherzt zu, um Vorbild zu sein. Vielleicht legt er darum auch so großen Wert auf die Heiligkeit der Todesstunde, die unser irdisches Leben ja endgültig macht. Vor allem aber ist und bleibt er an der „Freude“ orientiert – am „Eu“angelium, an der gelebten Frohbotschaft. Es wäre natürlich schön, wenn aus dieser Zeit, die Hermann Maas bei uns verbracht hat, etwas zu hören gewesen wäre von einer positiven Begegnung mit Juden, denn damals hatte Rheinbischofsheim noch einen beachtlichen jüdischen Bevölkerungsanteil. Volker Kubach Weingarten, den 21. Oktober 1901 |
| Das erste Dienstjahr des Vikars Maas betreffend Dem Ev. OKR beehrt sich der Unterzeichnende über seinen Studiengang und seine praktischen Beschäftigungen während des Jahres 1900/01 ergebenst zu berichten: Am 20. Nov. 1900 trat ich meine erste Vikariatsstelle bei Herrn Pfarrer Pfeiffer in Rheinbischofsheim an. Dort hatte ich in gewöhnlichen Zeiten durchschnittlich alle vierzehn Tage vormittags in Rheinbischofsheim zu predigen, dazu jeden Sonntag die Christenlehre, ferner in den Wintermonaten (Nov. - April) jeden Sonntagnachmittag im Filial Holzhausen Gottesdienst zu halten. Dazu kamen noch alle Wochengottesdienste von Pfingsten an, jeden freien Sonntagmittag zur Aushilfe Gottesdienst in einer der Nachbarpfarreien. Nehme ich dazu meine Tätigkeit auf diesem Gebiete seit meiner Anstellung in Weingarten (12. Aug 1901) so habe ich gehalten: 52 Predigten 9 Wochengottesdienste 43 Christenlehre 25 Beerdigungen 13 Hochzeiten Religionsunterricht gab ich in der Volksschule zu Rheinbischofsheim wöchentlich zwei Stunden (Kl 4 und 5 und 7 und 8), in der Volksschule zu Holzhausen eine Stunde (4.-8. Schuljahr) und in der Bürgerschule zu Rheinbischofsheim 2 Stunden (Quinta und Quarta). Im Februar und März war Religionsprüfung durch Herrn Dekan Hauß in Rheinbischofsheim. In Weingarten gebe ich 3 Stunden und habe noch eine vierte mit Erlaubnis des Pfarrers Hesselbacher für den Winter einlegen dürfen. Da mir in der Filialgemeinde Holzhausen Seelsorge allein übergeben war, hatte ich viel Gelegenheit, mich für hier einzuarbeiten und durfte viel Freude erleben. Im Lauf der Zeit hatte ich in jedem Hause der Gemeinde meine Besuche gemacht. Für die Krankenseelsorge suchte ich mir vor allem durch Vermehrung meiner Kenntnisse von Liedern und Sprüchen das nötige Rüstzeug zu beschaffen. Im Gespräch mit den Kranken konnte ich oft an das Kulturleben der gesunden Gemeinde anknüpfen, besonders, da ich bei vielen Kranken absichtlich am Sonntag Besuche machte. Das Lied, das im Gottesdienst gesungen worden war, leitete oft den Gedankengang bei der seelsorgerlichen Unterredung und Anwendung des Textes und der Predigten. Gedanken auf den konkreten Fall waren von praktischem Wert und gefiel den Kranken, die sich oft sehr nach den Gottesdiensten gesehnt hatten. Bei solcher Anwendung der Predigt merkte ich auch, wo ich auch über die Köpfe gepredigt hatte und erfuhr dadurch oft die schärfste und eindrücklichste Kritik. In der Woche – im Filial, das 1 Stunde von Rheinbischofsheim entfernt liegt, war ich meist 3 bis 4 mal wöchentlich je einen halben Tag. Oft gerade bot die Erfahrung am Krankenbette für die Ausarbeitung der Predigt, deren Text deshalb am Montag schon durchgegangen wurde (zu ergänzen: evtl. den wichtigen Hintergrund). Durch Mitbringen von Blumen, Bildern oder Büchlein (Palmenzweige) war mancher Kranker, der zuvor verschlossen war, zugänglicher und fühlte, dass wir nur Freude bringen wollten. Aus der Schrift, Liedern und frommen Lebensbildern suchte ich für die, die krank sind, (zu ergänzen: je nach ihrem) Bedürfnisse Trost zu bieten. Auch war es mein Bestreben, die Angehörigen zu treuerer Pflege zu ermuntern, sie auf die ernste Predigt des Krankenlagers hinzuweisen, ihnen die oft so kindische Angst vor Ansteckung auszutreiben durch eigenes Zugreifen. In Predigt und Seelsorge wies ich darauf hin, wie heilig die Todesstunde sei, und wie sehr sich darum die Angehörigen im Zaum darüber halten müssten besonders in der Äußerung ihres Jammers besonders in den letzten Augenblicken des Sterbenden. Bei den Gebeten im Krankenzimmer forderte ich auf das eine oder andere besonders die Kinder auf, diesen oder jenen Liedervers zu beten, damit sie sich Rat wüssten, wenn der Geistliche in den Stunden der Anfechtung nicht zugegen ist. Durch reichlichen Verkehr mit dem Arzt habe ich viel Unterstützung und praktische Fingerzeige erfahren dürfen. Zur seelsorgerlichen Einweisung boten (zu ergänzen: sich) mir auch die allsonntäglichen in den Wintermonaten im Rathause des Filials Holzhausen stattfindenden Gottesdienste (an). Ich spielte das Harmonium selbst und hatte auch so recht den Eindruck, dass eine Familie um den schlichten Tisch, der als Altar diente, versammelt war. Vorher hatten die Zuhörer, meist Frauen - auch Kranke - ihr Leid und Freude erzählt und wenn dann der Gottesdienst begann, so konnte er so recht wie eine Art Hausandacht werden, was besonders der Predigt einen eigentümlichen Charakter gab. So habe ich viel Segen in dieser Tätigkeit erfahren und mit jedem Tag gewann ich mehr Freudigkeit in meinem Amte. Ähnlich war es mit den Wochengottesdiensten, die ursprünglich vor einer nur geringen Anzahl von Zuhörern nachmittags 3 Uhr in der ungeheizten Kirche stattfanden. Nach langem Bemühen konnte ich (diese) dann in den heizbaren Schulsaal am Abend verlegen, woraufhin sich die Zuhörerschaft verzehnfachte. Nur mit Dank gegen Gott kann ich an diese innig schönen Stunden zurückdenken. Von Weihnacht an durfte ich auch in Rheinbischofsheim die Krankenseelsorge besorgen. Mit meinen Schulkindern stand ich in sehr engem Verkehr, auch außerhalb des Unterrichts. Ich lehrte sie in freien Stunden mehrstimmige Lieder, veranstaltete mit ihnen zwei größere Aufführungen von Festspielen auf Weihnachten und Ostern in der Kirche, was (den) Eltern viel große Freude machte. Schmückte mit den Kindern zu den Festtagen Altar und Kirche, wozu sie die Blumen im Wald suchten und fröhlich herbei brachten. So waren die Kinder anhänglich geworden und mir die Einwirkung in der Schule erleichtert, zudem auch eine Menge ganz eigentümlich empfindlicher Strafen bei Unfleiß gegeben. Für den Herbst hatten wir die Aufführung eines Festspiels vorbereitet, was aber durch meine Versetzung abgebrochen werden musste. Von den Herren Lehrern habe ich dazu leider (keine?) Unterstützung erfahren, trotzdem ich auf gesellschaftlichem guten Fuße mit ihnen stand. In der Christenlehre hielt ich dann und wann Vorträge, sei es aus der Mission, sei es aus der Reformationsgeschichte, auch aus Männern späterer Zeit wie Paul Gerhardt und Spitta; auch suchte ich außerhalb der Kirche den Christenlehrpflichtigen näher zu kommen. Dem § 6 der Pfarrkanditatsordnung suchte ich nachzukommen. Durch das Studium der Verordnungen über die Geschäftsführungen der Dekanate, Pfarrämter und Pastorationsstellen sowie über die Ordnungen der Registraturen. In Kirchenbüchern hatte ich öfters die Gelegenheit, Einträge zu machen. An den Synoden, Konferenzen und Sitzungen habe ich regelmäßig teilgenommen. Mit der praktischen Übung im Kirchendienst verband ich fortgesetzt Studien auf dem Gebiet der theologischen und philosophischen Wissenschaften. Ich analysierte schriftlich die Festpredigten von Schleiermacher, die Winter- und Sommergottesdienste von Claus Harms, das Kreuz Christi von Theremin 6. 7. und 8. Band und die Predigten von C.I. Nietsch. Dazu arbeitete ich den neuen Genesiskommentar von Gunkel, die Psalmen von Dahm und die Korintherbriefe durch. Viel habe ich in Rothes Ethik gelesen und gelernt. Auf philosophischem Gebiete machte ich fortgesetzte Studien über die Erkenntnistheorie, wozu ich wieder Kants Kritik der reinen Vernunft, Fischers Kant und Hegel und neuere Werke, so die Logik von Siegwart, die Analysis der Wirklichkeit von Liebermann, Wendelbands Geschichte der Philosophie (und verbindend zur Philosophie?) las. Viel Förderung erfuhr durch die sehr eingängige Lektüre von Lagarde`s deutschen Schriften und am meisten war ich die ganze Zeit über gefesselt durch Carlyle Von dem Helden und Heldenverehrung, 3 Bände sozialpolitischer Geschichte, ein Bändchen von Gretel und Schiller und (dass ich) die Geschichte der französischen Revolution las. Die Biographie Carlyles von Hensel, Schulze-Gaevernitz und Fischer förderten mich im Verständnis dieses großen tiefen Geistes. Die Lektüre für Monatsschrift für Kirche und gottesdienstliche Kunst hat mir viel Freude bereitet. Mit Dank gegen Gott für die unendlichen vielen Segnungen, die ich im Amte erfahren durfte und mit der Bitte, ER möge mir alle meine Schwachheit und Lässigkeit aus Gnaden vergeben, schließe ich diesen Bericht. Ergebenst Hermann Maas Vikar |
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