Zum Rheinbischofsheimer Mahnmal

Vorbemerkung

Bei den ersten Planungen war den Initiatoren wichtig, daß das Mahnmal a) aus hiesigen Materialien und b) und ohne zu großen und künstlichen Aufwand und c) vor allem mit Bezug zur jüdisch-christlichen Tradition hergestellt werden solle. So entstand die Idee, auf einem Betonsockel ein Glasgefäß anzubringen, in welches Kieselsteine eingesammelt werden sollten. Die Kieselsteine sind dabei mehrdeutig und damit auch der Interpretation des Betrachters überlassen. Jeder Stein soll wie ein Gruß sein von Angehörigen aus der zurückgelassenen Heimat. Eine solche Praxis ist von jüdischen Friedhöfen her bekannt, wo Angehörige am Grabstein einen Stein zur Erinnerung des Besuches und als begreifbares Erinnerungsstück aus der Heimat niederlegen.


Die Steine

Als Material aus unserer Gegend in der Rheinebene boten sich vor allem Kieselsteine an. Viele Baggerseen sind in unserer Kulturlandschaft wegen der Produktion von Kieselsteinen entstanden.

Der Stein ist wie kaum ein anderer Gegenstand von religiöser Bedeutung. In den alten Schriften Israels wird immer wieder davon erzählt, wie ein Steinhaufen als Erinnerungsmerkmal – wofür auch immer errichtet wurde. Noch heute zeigt ein Steinhaufen in der Wüste die Grabstätte eines Menschen an. Jeder Stein davon wird potentiell Zeuge des Lebens, das er überdeckt. So soll es auch bei unserem Mahnmal sein. Wir sind aufgefordert, diese Steine zum Reden zu bringen. Damit will uns das Mahnmal verpflichten. Es will uns nicht einfach die Botschaft liefern von der Geschichte und dem zerstörten Leben. Wir sollen diese Geschichte und all diese Geschichten zum Sprechen bringen, selber uns umhören und recherchieren. Ein nur vorgelegtes Informationspaket ist schnell zur Seite gelegt und „entsorgt“. Der Stein, mit dem Charakter des „Ewigen“, ewiger Dauer, ist eine ständige Provokation (= „Hervorrufung“), Geschichte lebendig werden zu lassen und sie im Leen zu halten, sie zu integrieren.

 

Der Stein ist aber auch eine gefährliche Waffe. Zur Todesstrafe hat man Menschen solange mit Steinen beworfen, bis sie starben. Jeder Stein unseres Mahnmals erinnert darum auch an die Schläge und Demütigungen, die man den jüdischen Mitbürgern in der Verfolgung zufügte. Und sie sind zugleich eine Mahnung an uns Heutigen, damit wir uns nicht anmaßen, uns würde eine solche Täterschaft nicht „passieren“ – im Sinn des Wortes Jesu, wer ohne Sünde sei, der erhebe als erster den Stein zum Wurf.

Jakob errichtet ein Steinmahl, dort, wo er im Traum die Leiter in den Himmel erträumte. Altäre mussten früher aus unbehauenem Stein sein. Steinerne Kultobjekte waren die beiden Gesetzestafeln. Wegen ihrer Unverrückbarkeit gelten Steine auch als Symbol der heiligen Mitte. Das mag für den Tempelstein (Eckstein) gelten wie u.a. auch für einen Petrus, auf dem Jesus seine Kirche bauen will. Im Neuen Testament gelten die Christen als das Volk des neuen Bundes als lebendige Steine – woraus Gott ein neues Haus, den Tempel seines Reiches, bauen will. Die Kieselsteine im Mahnmal wollen ein Sinnbild sein für das neue Haus einer neuen Menschlichkeit, die Fremde und Fremdes nicht ausschließt, sondern integriert und bejaht.

Tiefenpsychologisch gedeutet, weist gerade ein auf die heilige Mitte deutbarer Stein auf die Seelenmitte, auf das Selbst, hin. Nicht versteinerte, sondern beseelte Menschen, die liebesfähig aus der Kraft ihres Herzens heraus leben können, werden das Haus der Zukunft bauen.

 

Das Aquarium

Die Kieselsteine brauchen natürlich ein Gefäß. Dazu bot sich ein Glaskasten an. Die durchsichtigen Glasflächen deuten die Transparenz an, die Durchsichtigkeit, die uns wichtig ist auch in bezug auf die Geschichte, insbesonders hinsichtlich der Zeit des Dritten Reiches und der damit verbundenen Greueltaten. Zum anderen erinnert das Glasgefäß an ein Aquarium, das Wasser und Wasserlebewesen beinhaltet. Von daher wird ein weiteres Element unserer Landschaft, nämlich das Wasser, der Rhein, die Rheinauenlandschaft, im Mahnmal symbolisiert. Die Kieselsteine wirken bei dieser Vorstellung wie Fische, wie jene Tiere, die aus der Tiefe aufsteigen können. So wie aus dunkler Tiefe nach oben aufsteigende Fische sichtbar werden, so sollen Erinnerungen an die jüdischen Mitbürger, ihre Lebens- und Glaubenswelt wieder aufsteigen und wahrgenommen werden können.

 

Zum harten Stein gesellt sich also in der Imagination das weiche umspülende Wasser. Vor unseren Augen nur die Steinsammlung, in der Imagination können wir sie wie Fische von Wasser umgeben sein lassen. Daß unser Tun und Handeln wichtig ist, damit Wasser, gute Gefühle und Seele in die Welt kommen, ist damit angeregt.