Predigt 21. Sn.n.Tr. 2008 1. Kor. 12, 12ff Holzhausen

 

Das Bild vom Körper und seinen Teilen: Niemand hat seine Fähigkeiten für sich allein

12 Der Körper des Menschen ist einer und besteht doch aus vielen Teilen. Aber all die vielen Teile gehören zusammen und bilden einen unteilbaren Organismus. So ist es auch mit Christus: mit der Gemeinde, die sein Leib* ist. 13 Denn wir alle, Juden wie Griechen, Menschen im Sklavenstand wie Freie, sind in der Taufe* durch denselben Geist* in den einen Leib, in Christus, eingegliedert und auch alle mit demselben Geist erfüllt worden. 14 Ein Körper besteht nicht aus einem einzigen Teil, sondern aus vielen Teilen.

15 Wenn der Fuß erklärt: »Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich nicht die Hand bin« – hört er damit auf, ein Teil des Körpers zu sein?

16 Oder wenn das Ohr erklärt: »Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich nicht das Auge bin« – hört es damit auf, ein Teil des Körpers zu sein?

17 Wie könnte ein Mensch hören, wenn er nur aus Augen bestünde? Wie könnte er riechen, wenn er nur aus Ohren bestünde?

18 Nun aber hat Gott im Körper viele Teile geschaffen und hat jedem Teil seinen Platz zugewiesen, so wie er es gewollt hat.

19 Wenn alles nur ein einzelner Teil wäre, wo bliebe da der Leib?

20 Aber nun gibt es viele Teile, und alle gehören zu dem einen Leib.

21 Das Auge kann nicht zur Hand sagen: »Ich brauche dich nicht!« Und der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: »Ich brauche euch nicht!«

22 Gerade die Teile des Körpers, die schwächer scheinen, sind besonders wichtig. 23 Die Teile, die als unansehnlich gelten, kleiden wir mit besonderer Sorgfalt und die unanständigen mit besonderem Anstand.

24 Die edleren Teile haben das nicht nötig. Gott hat unseren Körper zu einem Ganzen zusammengefügt und hat dafür gesorgt, dass die geringeren Teile besonders geehrt werden. 25 Denn er wollte, dass es keine Uneinigkeit im Körper gibt, sondern jeder Teil sich um den anderen kümmert. 26 Wenn irgendein Teil des Körpers leidet, leiden alle anderen mit. Und wenn irgendein Teil geehrt wird, freuen sich alle anderen mit.

27 Ihr alle seid zusammen der Leib* von Christus, und als Einzelne seid ihr Teile an diesem Leib. 28 So hat Gott in der Gemeinde allen ihre Aufgabe zugewiesen. Da gibt es erstens die Apostel*, zweitens die, die prophetische Weisungen* erteilen, drittens die, die zum Lehren befähigt sind. Dann kommen die, die Wunder tun oder heilen können, die Dienste oder Leitungsaufgaben übernehmen oder in unbekannten Sprachen* reden.

29 Nicht alle sind Apostel, nicht alle erteilen prophetische Weisungen, nicht alle sind zum Lehren befähigt. Nicht alle können Wunder tun, 30 nicht alle Kranke heilen, nicht alle in unbekannten Sprachen reden, nicht alle diese Sprachen deuten. 31a Bemüht euch aber um die höheren Geistesgaben!

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist ein starkes Wort des Paulus. Er spricht vom Ganzen. Vom Ganzen einer Gemeinde. Vom Christus, der alles in allem ist.

Es geht um Interdependenz. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Das ist ein wohltuendes Bild. Wer sein Leben einmal in einem solchen zusammenhängenden, zusammenfügenden Bild schauen kann, spürt etwas vom Lebenssinn, vom Grund und Wert seines Daseins. Aber nur selten kann man auf sein ganzes Leben schauen, kaum, daß man ahnt, wohin alles geht und was der rote Faden des eigenen Lebensentwurfes ist.

Es ist eher umgekehrt. Man beginnt einen Tag – und weiß nicht, wohin er führt. Man sieht nur die Berge an Arbeit, die sich scheinbar nie abbauen lassen. Und schlimmer noch, es ist jeden Tag das Gleiche. Nicht ein Ganzes, sondern immer das Gleiche, ein Berg ohne Sicht auf den Gipfel, ohne Verschnaufspause mit Panoramablick. Und das kann einen niederdrücken, die Atemluft nehmen, die Freude rauben.

Es ist, wie jemand in den Norden Deutschlands fahren will. Es wäre schön, wenn man, um zu sehen, wo es langgeht, einfach nur geradeaus schauen müsste – und sähe dann das Ziel, die Küste vor einem liegen. Aber tatsächlich, besonders bei Nacht, sieht man nur so weit, wie die Scheinwerfer des Autos die Straße ausleuchten oder nur so weit, wie der eigene Horizont reicht. Wir sehen stets nur das, was direkt vor uns ist, ganz selten nur das Ganze.

Darum mischen sich in einer solchen Situation immer auch die inneren Komplexe so schnell in den Alltag ein, wenn man nur sieht, was vor Augen ist, wenn man nur die Aufgaben sieht, den Druck hat, jetzt dies oder das zu machen – und nichts mehr spürt vom eigenen Lebenswerk, von sich selbst, vom roten Faden des Lebens, wenn man nicht wirklich um sich weiß. Dann bricht vielleicht das innere Vertrauen durch, das jemand in seiner Seele verankert hat. Es gibt Menschen mit verinnerlichter Zuversicht. Keiner weiß warum, aber sie gehen durch den Alltag mit Fröhlichkeit und der Idee, wir packen das und kriegen das schon gut hin. Andere wiederum, aus denen bricht die innere Ungeborgenheit immer in den Alltag hinein, wenn dieser unüberschaubar wird. Man projiziert ja Inneres auf das, was einem aussen unbekannt und unüberschaubar ist. Dann ist man auch im Alltag unzufrieden, weiß, daß man es unmöglich schaffen kann, spürt nur Druck, spürt den bösen Blick misstrauischer oder kritischer Leute. So wie man eben schon immer gelebt hat.

Und wie erstaunlich! Es scheint ein Gesetz zu geben, das Gesetz der Anziehung. Dem Menschen, der viel Negatives in sich trägt, dem begegnen heute schon wieder so viel negative, verbissene Leute – und nichts scheint zu gelingen. Dem Ängstlichen fällt ein Blumentopf direkt vor die Füsse, als er das Haus verlässt. Man begegnet im äusseren Leben, was man seelisch in sich trägt. Man scheint das Weltbild, das man kennt, durch äussere Erfahrungen immer wieder bestätigt zu bekommen. Der freudige Mensch hat immer wieder Grund zu lachen, der dankbare Mensch erblickt Geschenke in allem, was ihm widerfährt, der Gläubige läuft Gott zehnmal am Tag über den Weg und kann schon auf das nächste Abenteuer mit Gott gespannt sein!

Das Bild vom Zusammengehören, von dem Paulus spricht, ist von höchstem therapeutischem Wert. Man kann, wenn man sich in einer Kirchengemeinde oder sonst im Leben umblickt, vielleicht nur einzelne Menschen oder Gruppen oder Geschichten erleben. Dann sieht man vielleicht hier und dort Unvollkommenes, nur, was noch besser gemacht werden sollte oder einen Mangel. Aber es gibt ein Ganzes darin, dahinter – und wer das sieht, erlebt Freude, Sinn und Ganzes.

Am letzten Wochenende habe ich einen Blick auf das Ganze unseres Ortes und unserer Kirchengemeinde werfen können und war gern selbst ein Teil davon. Konfirmanden haben fleißig Erntedankgaben eingesammelt, die Diakoniefrauen haben den Chorraum wunderbar geschmückt, bei der 400-Jahrfeier waren unsere Kinder mit einem Stand tätig, die Jugendlichen verkauften selbst gekochten Pudding, der Kindergottesdienst, der Kirchenchor, der Kirchengemeinderat war mit je einem eigenen Stand tätig und zwar unentwegt! Frau Welsche trat mehrmals mit unserem Jugend- und Kindersingkreis auf, der Kindergarten führte Tänze der ganz Kleinen auf und hatte auch seinen eigenen Stand. Durch die vielen Fotos, die ich machen konnte, hab ich einen Blick auf das Ganze dieser Fülle bekommen, wozu letztlich auch der von so vielen besuchte Gottesdienst gehörte, der mit seinen historischen Bezügen auch ein Teil des Ganzen war. Unser Kirchendiener Hurst hielt den Gottesdienst und das Fest mit Fotos fest. Frau Schlegel hat Orgelvor- und Orgelnachspiel passend aus dem 17. Jahrhundert ausgesucht gehabt; ist's Ihnen aufgefallen? Jeder hat so seinen Baustein zum ganzen Haus beigetragen. Das glückliche Zusammenspiel all dieser Kräfte hat mich glücklich gemacht – und es wirkt als starkes Bild weiter in mir. Da hab ich etwas von dem gespürt, was Paulus in seinem wunderbaren Bild vom Leib anspricht, in dem alle Teile aufeinander eingespielt und angewiesen sind. Eine Angewiesenheit und Abhängigkeit, die nicht einschränken, sondern Lebensqualität ermöglichen.

Es war für das letzte Wochenende aber auch eine große Idee vorgegeben, die allen wie ein Leitmotiv diente: die Einführung des Marktes in Bische vor 400 Jahren in der Welt des 17. Jahrhunderts, die es sozusagen wieder zu beleben galt. An dieser einen Idee haben alle mitgebastelt – und darum entstand ein so wunderbares, gelungenes Gesamtbild, das einen so fröhlich machte und motivierte – trotz aller Anstrengung.

So mag ich uns alle anregen, selbst weiter zu bauen an solchen Bildern, die das Leben – das eigene, aber auch das Leben in unserer Gesellschaft und in der Welt zu einem Ganzen zusammen fügen wollen.

Heilsam kann wirken das Bild, daß wir alle in nur einer Welt leben.

Heilsam kann wirken die Idee, die Vorstellung, unser Glaube, daß hinter all den Dingen, die wir erleben und tun, ein menschenfreundlicher, uns wohl gesonnener Gott steht.

Wenn immer von innen die dunkeln Komplexe gegen uns anstürmen und sagen: es ist alles umsonst! Oder: spürst Du nicht den Druck? Oder: Niemand liebt Dich! Sei misstrauisch, trau keinem, der vorgibt, Dich zu mögen und zu lieben – wenn solches uns anstürmt, dann sollten wir schnell rufen: „Weiche von mir! Du hast kein Recht über mich! - Und dann uns unseren Glauben wieder selbst vor Augen zu führen, wie ich es gerade eben gesagt habe, daß wir uns also schnell unser Bild vom Ganzen anschauen, wo wir und alles in der guten Absicht Gottes miteinander verbunden sind. Dann entsteht Frieden – der, wenn es wahrer Friede ist, immer auf drei Ebenen stattfindet: als Friede mit sich selbst, als Friede mit der Mitwelt und als Friede mit Gott.

Ich will mit dem Wort, mit dem guten Wort einer unbekannten Person abschließen, bei der, mitten in zerreissenden Alltagserfahrungen doch immer wieder die Kraft siegt, auf einen das Ganze verbindenden Gott zu schauen - um somit an der heilenden Ganzheitserfahrung teilzunehmen und um Sinn zu spüren. Mitten zwischen Geschirr und Pfannen gibt es den hilfreichen Gott, den Herrn der Töpfe und der Pfannen:

„Herr der Töpfe und Pfannen, ich habe keine Zeit, eine Heilige zu sein und Dir zum Wohlgefallen in der Nacht zu wachen, auch kann ich nicht meditieren in der Morgendämmerung und im stürmischen Horizont.

Mache mich zu einer Heiligen, indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche. Nimm an meine rauhen Hände, weil sie für Dich rauh geworden sind.

Kannst du meinen Spüllappen als einen Geigenbogen gelten lassen, der himmlische Harmonien hervorbringt auf einer Pfanne?
Sie ist so schwer zu reinigen und ach, so abscheulich. Hörst du, lieber Herr, die Musik, die ich meine?
Die Stunde des Gebetes ist vorbei, bis ich mein Geschirr vom Abendessen gespült habe, und dann bin ich sehr müde.
Wenn mein Herz noch am Morgen bei der Arbeit gesungen hat, ist es am Abend schon längst vor mir zu Bett gegangen.
Schenke mir, Herr, Dein unermüdliches Herz, daß es in mir arbeite statt des meinen.
Mein Morgengebet habe ich in die Nacht gesprochen zur Ehre Deines Namens.
Ich habe es voraus gebetet für die Arbeit des morgigen Tages, die genau dieselbe sein wird wie heute.
Herr der Töpfe und Pfannen, bitte darf ich Dir anstatt gewonnener Seelen die Ermüdung anbieten, die mich ankommt beim Anblick von Kaffeesatz und angebrannten Gemüsetöpfen?

Erinnere mich an alles, was ich leicht vergesse; nicht nur um Treppen zu sparen, sondern, daß mein vollendet gedeckter Tisch ein Gebet werde. Obgleich ich Martha-Hände habe, hab' ich doch ein Maria-Gemüt, und wenn ich die schwarzen Schuhe putze, versuche ich, Herr, Deine Sandalen zu finden. Ich denke daran, wie sie auf Erden gewandelt sind, wenn ich den Boden schrubbe.

Herr, nimm meine Betrachtung an, weil ich keine Zeit habe für mehr. Herr, mache Dein Aschenbrödel zu einer himmlischen Prinzessin; erwärme die ganze Küche mit Deiner Liebe und erleuchte sie mit Deinem Frieden.

Vergib mir, daß ich mich so absorge, und hilf mir, daß mein Murren aufhört. Herr, der Du das Frühstück am See bereitet hast, vergib der Welt, die da frägt: »Was kann denn aus Nazareth Gutes kommen?«

So weit!

Und weiterhin fröhlich gelebt!

Amen