Denkanstösse des Dekans – Regionaltag Zierolshofen 23.10.2009


Liebe Verantwortliche unserer Region Kehl im evangelischen Kirchenbezirk Ortenau,
Ich möchte Ihnen heute Abend einige Wahrnehmungen, Gedanken und Denkanstösse mitgeben. Mein Wunsch wäre, dass wir uns in den Gemeinden, aber vielleicht auch auf anderen Ebenen unserer Region, einmal darüber austauschen. Gerne bin ich auch bereit, dazu zu kommen. Keine Angst! Es kommen jetzt einige Gedanken auf Sie zu. Das soll weder überfordern, noch umfassend sein. Sie können jederzeit auswählen und natürlich auch schauen, wo Sie besonders hängen bleiben.
Ich stelle meine Gedanken unter das Motto: „Fit für Gegenwart und Zukunft – attraktiv evangelisch Kirche-sein!“

  1. Wo stehen wir?
  2. Wo gehen wir hin?
  3. Wer begleitet uns?

1. Wo stehen wir?
a) Stärken
Liebe Schwestern und Brüder,
Sie sind eindeutig unsere Stärke!
Die Menschen, die sich freiwillig in das kirchliche Leben einbringen und sich dort für andere und mit anderen engagieren.
Und die Menschen, die sich zum Dienst am Nächsten gerufen und berufen fühlen.
Natürlich tun wir das mit unseren uns jeweils ganz eigenen Fähigkeiten und Unfähigkeiten. Aber das ist ja das Tolle. Gott nimmt uns an. Er nimmt uns in Anspruch, so wie wir sind. Und eben nicht so, wie wir sein könnten oder sollten.
Geht es Ihnen dabei eigentlich immer gut? Bei Ihrem Mitmachen in der Kirche? - Wahrscheinlich nicht! Das ist auch verständlich.
Die Gemeinschaft der Kirche ist doch nichts Statisches oder Unbewegliches. So wie ein Smily, der immer lacht.
Wir sind eine lebendige Gemeinschaft, bei der Menschen auf den Höhen und Tiefen des Lebens begleitet werden. Und hoffentlich gibt es dabei auch immer wieder Menschen, die mitbangen und hoffen, ob dies auch gelingt. Wir sind kein Kuschelclub und auch keine reine Wohlfühlkirche.
Wenn ich das sage, dann gestehe ich Ihnen aber auch ganz offen, dass ich gerne einigen Gemeinden oder Werken Schwierigkeiten erspart hätte, die ihnen zu schaffen gemacht haben oder auch noch weiter zu schaffen machen.
Die lange Vakanz in Lichtenau, die nicht einfache Vakanz in Sand und Eckartsweier, die schwierigen Situationen in einigen Gemeinden im Nördlichen Hanauerland, der komplexe Prozess des Zusammenwachsens in Kehl, das unbeziehbare Korker Pfarrhaus, die schwierige Suche eines Nachfolgers für den Vorstand der Diakonie Kork, das Ringen um das Gruppenamt in Achern, der Glockenstreit von Memprechtshofen, die finanzielle Lage verschiedener Gemeinden, um nur einige Beispiele zu nennen.
Das sind alles keine Situationen, die wir uns wünschen. Aber sie gehören dazu, weil Kirche ein lebendiger Organismus ist. Und ich bin froh, dass es in allen Gemeinden Menschen gibt, die sich verantwortlich diesem Leben stellen.
Dafür an dieser Stelle Ihnen allen, Ehren-  wie Hauptamtlichen, ein herzliches Dankeschön! Für keine immer leichte Arbeit.
Ich könnte an dieser Stelle auch etliche beeindruckende Projekte oder Initiativen aus Gemeinden, Diensten und Werken nennen. Das würde aber das schmälern, was ich unseren „kirchlichen Alltag“ nenne, was eigentlich unser kirchliches Leben ausmacht. Die regelmäßigen Gottesdienste, die Begleitung von Menschen von der Wiege bis zur Bahre, das „unspektakuläre“ Gespräch, die „selbstverständliche“ Tat der Nächstenliebe.
Das geschieht tagtäglich in allen unseren Gemeinden. Keiner achte dies zu gering!
Und damit kommen wir zu einer weiteren, zur eigentlichen Stärke, nämlich zum Evangelium. Zur guten Nachricht Gottes vom Leben, Sterben und Auferstehen des Jesus Christus.
Damit können wir Leben gestalten auf den Höhen und in den Tiefen. Daraus können wir leben. Das sollen wir weitergeben mit unseren Worten und unseren Taten. Eine unschlagbare Stärke!
Jetzt werde ich von vermeintlichen Schwächen, Chancen und Risiken in Einem reden. Denn hinter jeder sog. „Schwäche“ steckt ja auch eine Chance! Und jede Chance ist auch mit Risiken verbunden.
Ich bin kein Freund von Statistiken, gemäß dem Motto: „Trau keiner Statistik, außer Du hast sie selbst gefälscht!“ Aber der Blick auf manche Daten kann uns zumindest mal ins Nachdenken bringen. Ich habe dazu die „Zusammenstellung über die Äußerungen des kirchlichen Lebens in Baden“ der letzten drei Jahre etwas näher betrachtet.
Dort werden die damals noch 29 Kirchenbezirke mit verschiedenen Zahlen erfasst, also auch noch der damalige KB Kehl.

b) Schwächen c) Chancen d) Risiken
Von der Zahl der Evangelischen rangieren wir dort mit 44514 an 14. Stelle, also ziemlich in der Mitte. Was die Zahl der Taufen betrifft, sieht es noch etwas besser aus. Mit 400 Kindertaufen rangieren wir dort an 9. Stelle. Ähnliches gilt auch für die Konfirmandenzahlen. Das entspricht auch dem sog. Demographie-Index (Altersdurchschnitt, Anteil Jgdl. < 20 Jahren, Anteil Älterer > 60 Jahren, Wachstumsperspektiven). Dort liegen wir an 7. Stelle, deutlich über dem Schnitt der Landeskirche. Hier sind alle drei Regionen der Ortenau unter den Top-Ten, Lahr sogar an der Spitze. Wir haben also noch ein Potential an Jüngeren, aus dem wir länger schöpfen können. Dennoch wird auch bei uns ein Rückgang der Kinder im Kindergartenalter in den nächsten 20 Jahren von mehr als 14 % prognostiziert.
Über die Taufen können wir immer wieder Menschen erreichen. Die Kindergartenkinder samt Familien sind ein wichtiges Potential für Kinder- und Familienarbeit. Jetzt erreichen wir noch relativ viele Menschen. Wir müssen aber auch die immer größere Zahl der Nicht-Getauften in den Blick nehmen. Wie und wo erreichen wir diese Menschen und wie sprechen wir sie an?
Ein anderer interessanter Wert ist die Zahl der Gottesdienstbesucher am Ersten Advent und an unserem Hochfest Heilig Abend. Hier liegen wir in absoluten Zahlen an 16. Stelle und hochgerechnet auf die Zahl der Evangelischen deutlich im letzten Fünftel aller Kirchenbezirke. Hier kommt wieder der sprichwörtlich harte Hanauer Boden zum Ausdruck. Ich selber spüre allerdings auch, dass die Verbundenheit zur Kirche höher ist als der Kirchenbesuch. Dennoch ist das auch ein Hinweis für mich, über die Gottesdienste bei besonderen Gelegenheiten und hohen Festen nochmals besonders nachzudenken. Dort, wo wir sehr viele Menschen erreichen, sollte das besonders gut vorbereitet sein.
Bei der Zahl der ehrenamtliche Mitarbeitenden liegen wir auch schon mit den absoluten Zahlen deutlich in der zweiten Hälfte der Tabelle.
Das korrespondiert mit verschiedenen Wahrnehmungen meinerseits. Bei den letzten Kirchenwahlen hatten viele Gemeinden Mühe auch nur die Zahl der zu Wählenden zu finden. Ich treffe allerorts auf sehr engagierte Ältestenkreise. Ich nehme aber auch immer wieder die Belastung wahr, die auch in diesem besonderen Ehrenamt empfunden wird. Besonders stark natürlich in Vakanz- oder Krisenzeiten. Die vielen Sitzungen. Dass es meistens um das „liebe Geld“ geht. Wie gut fühlen wir uns auf dieses Amt vorbereitet? Was braucht es, von Seiten der Hauptamtlichen oder des Bezirks oder der Landeskirche, damit wir Freude an unserem Amt haben? Wie steht es mit der Wertschätzung und dem Dank für das ehrenamtliche Engagement in unseren Gemeinden? Findet es angemessen statt? Oder dürfte es auch noch mehr sein? Reden wir überhaupt darüber? Wie gehen wir Hauptamtliche mit unseren Ehrenamtlichen um?
Was mir auch auffällt ist, dass wir in der Zahl der Opfer, Kollekten, Sammlungen für Andere sowie dem Kirchgeld 2005 mit 287.541 EUR wiederum schon in absoluten Zahlen an drittletzter Stelle aller Kirchenbezirke standen. Und das in einer immer noch eher prosperierenden Region wie der Ortenau. D.h. diese Einnahmen- wie auch die Weitergabeseite ist nicht einfach. Wir haben mehrere Gemeinden, bei denen sog. Haushaltssicherungskonzepte in Kraft sind. Wir haben viele kleine Gemeinden, die trotzdem alles haben, was so eine Gemeinde hat, nämlich Pfarrhaus, Gemeindehaus, Kirche, und natürlich die damit verbundenen Kosten. Hier brauchen wir weiterhin viel Phantasie, Entscheidungsmut und Tatkraft. Da komme ich aber später nochmals drauf.

Was heißt jetzt: „Fit für Gegenwart und Zukunft – attraktiv evangelisch Kirche-sein!“

Was ich jetzt sage, soll Sie auf keinen Fall überfordern!
Ich werde jetzt viele Fragen stellen, ohne Antworten zu geben. Ich will jetzt auch nicht noch mehr TOP auf die TO unserer Sitzungen bringen.
Ich verstehe mein Motto als ein Trainingsprogramm, das alle meine Sinne schärfen soll. Wer gut trainiert, ist fit, kennt seine Möglichkeiten, aber eben auch seine Grenzen. Wer gut  trainiert, erwartet etwas, will etwas erreichen, ohne sich dabei total zu verausgaben. Wer gut trainiert, hat Freude an dem, was er tut. Der kann aber auch Dinge sein lassen, die nicht gut tun.
Ein solches Trainingsprogramm heißt für mich zunächst, die Gegenwart genau betrachten. Was sind unsere Stärken, was sind unsere Schwächen? Beides gibt es in jeder Gemeinde! Was sind die Gründe für Stärken und Schwächen? Wo kann ich vielleicht Gutes verstärken? Wo kann ich Schwächen sachlich einordnen? Wenn es z.B. in einer Gemeinde kaum Kinder gibt, dann werde ich dort auch nie eine Riesen-Kinderarbeit aufbauen können. Den möglichen Frust kann ich mir dann von Anfang an ersparen.
Zukunft heißt für mich: Wo wollen wir hin? Haben wir überhaupt die Möglichkeiten oder Rahmenbedingungen für das, was wir wollen?
Haben wir überhaupt Lust auf diese Zukunft oder bleiben wir viel zu sehr in der Gegenwart haften? Wie gelingt es mir, heute und morgen so Kirche zu sein, dass sie anziehend auf andere Menschen wirkt bzw. so attraktiv ist, dass ich auch nicht austreten will.
Evangelisches Kirche-sein lebt von einer möglichst hohen Beteiligung vieler Frauen und Männer auf allen Ebenen. Evangelisches Kirche-sein lebt davon, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer nicht allein das Sagen haben. Das ist für alle Beteiligten nicht immer leicht und erhöht auch die Zahl von Gremien und Sitzungen. Auch das erhöht bisweilen das Leiden an der Kirche.
Aber da ich weiterhin von unserem evangelischen Kirche-sein überzeugt bin, bin ich auch bereit, so manches Leiden mitzutragen.
Aber, was heißt schon Leiden?
Wenn ich sehe, auf welch hohem Niveau wir bisweilen klagen und jammern, betrübt mich das schon. Das steht in keinem Vergleich zu vielen Schicksalsschlägen der Menschen, mit denen wir es auch zu tun haben, die wirklich Grund zur Klage haben oder hätten.
Und überhaupt: Verglichen mit den großen Parteien oder Wirtschaftsunternehmen in unserem Land oder mit manchen unserer Partnerkirchen im Ausland oder den Kirchen in den neuen Bundesländern: Wir haben noch sehr gute Rahmenbedingungen, um Kirche vor Ort und im Ort zu sein. Machen wir uns da nichts vor?
Aber, was heißt jetzt auch „Kirche-sein“? Sind wir nur noch Unternehmen, das sich rechnen muß, oder Behörde, die verwaltet? Wo sind wir Gemeinde Jesu Christi vor Ort, die das Leben der Menschen mit gestaltet?
Wohlgemerkt, als Landeskirche und Volkskirche sind wir immer noch von allem etwas. Mit noch rd. 1,3 Mio Mitgliedern braucht es Verwaltung und auch unternehmerisches Denken.
Wo leben wir als Kirche, wo oder wie sind wir lebendig?
Bitte das jetzt nicht gleich nur mit dem Blick auf die „leeren“ Gottesdienste beantworten.
Natürlich will ich auch, dass mehr Menschen in die Kirche kommen. Aber die Frage nach dem Leben in unseren Gemeinden nur mit der Frage nach dem Gottesdienst zu beantworten, wäre m.E. zu kurz gegriffen. Wir müssen uns schon die Mühe machen und genauer hinsehen. Wo begegnen wir welchen Menschen?
Welchen Menschen begegnen wir nicht und warum nicht? In welcher Weise wird bei uns Evangelium in Wort und Tat gelebt? Wo findet das Leben an unserem Wohnort statt? Sind wir da als Kirche dabei?

2. Wo gehen wir hin?
a) Kasualien
Wir erreichen noch sehr viele Menschen, weit mehr als die klassische. sog. „Kerngemeinde“ über die Kasualien, von der Wiege bis zur Bahre. An wichtigen Etappen ihres Lebens nehmen Menschen bewusst kirchliche Angebote in Anspruch. Viele Menschen, die nicht regelmäßig bei uns auftauchen. Auch Menschen, die eben noch nicht ausgetreten sind. Aber eben auch Ausgetretene, wenn einer der Partner oder Eltern etwa nicht in der Kirche ist. Diese Menschen und ihre immer komplexer werdende Lebenswelt gilt es zukünftig noch intensiver in den Blick zu nehmen, Gespür dafür zu entwickeln und nicht einfach irgendeine kirchliche Selbstherrlichkeit wie eine Mauer aufzubauen.
Das umso mehr, weil die Zahl derer, die eben gar keine kirchlichen Angebote mehr annehmen, weiter und stetig zunimmt.
Hier ist es sinnvoll über eine Vernetzung unserer verschiedenen Angebote, rund um die Kasualien und Lebensabschnitte, nachzudenken. Vom Gespräch mit Eltern über „Beten mit Kindern“ im Kindergarten, über „Paar-Seminare“ o.ä. bis hin zu erlebnispädagogischen Angeboten etwa für Konfi-Väter und ihre Kinder. Das kann und soll von einer Gemeinde, von einer Pfarrerin allein, nicht geleistet werden. Hier könnten wir in den Regionalgebieten und in der Region über einander ergänzende Angebote nachdenken.
Genauso wie über die Frage, wer ein solches Angebot vorbereiten und für mehrere durchführen könnte und worin er/sie dafür entlastet wird.
2011 wird das „Jahr der Taufe“ sein. Auch hier bin ich kein großer Freund, ständig anderer Jubiläumsjahre. Aber das könnte eine Chance sein.
In unserer wasserreichen Region könnten wir in den verschiedenen Regionalgebieten zentrale Taufgottesdienste samt –feiern an bestimmten Gewässern anbieten, in denen wir uns v.a. der nicht unbedeutenden Zielgruppe der Noch-Nicht-Getauften zuwenden und natürlich auch der Bedeutung der Taufe ein entsprechendes Gewicht geben. Ich möchte auf jeden Fall dazu eine AG in der Region einrichten.
b) Qualität statt Quantität
Ich bin der Überzeugung, dass wir nicht immer mehr machen müssen, sondern dass wir das, was wir tun gut machen müssen. Wir machen Vieles richtig und gut, keine Frage. Aber wir können Etliches auch noch besser machen, vor Ort, in unseren Gemeinden.
Ich habe anfangs von unserer großen Stärke, dem Evangelium von Jesus Christus, gesprochen. Wo und wie kommt es in unseren Gemeinden, in unseren Worten und Taten, in unserem Tun und Lassen zur Sprache?
Ich persönlich habe den Eindruck, wir müssten mehr Selbstbewusstsein und Sprachfähigkeit in und für unseren christlichen Glauben entwickeln und damit auch offen sein für das Gespräch untereinander und mit anderen. Das Spektrum geht hier von regelmäßigen Bibelgesprächen in unseren Ältestenkreisen und anderen Gremien, über Gottesdienste zu konkreten Fragen des Glaubens, ganz unterschiedliche Glaubens- oder Theologiekurse (muß man ja nicht alles selber machen!)  bis hin zum Einbringen christlicher Positionen im öffentlichen Leben. Wer mich kennt, weiß, dass ich damit weder Plattheiten meine noch schlecht vorbereitete Dinge.
Wir haben auch überhaupt keine Kritik-Kultur in unseren Gemeinden.
Ich weiß, dass Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch Älteste, nicht immer empfänglich sind für Kritik. Warum nur, fühlen sich viele immer gleich angegriffen oder meinen, sich verteidigen zu müssen?
In einer Gemeinschaft, die aus der Überzeugung lebt, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, sollte konstruktive Kritik möglich sein.
Eine Feed-back-Kultur etwa lässt sich einüben, nach Gottesdiensten oder im Ältestenkreis. Zurückblicken auf Veranstaltungen und klären, warum sie gelungen sind oder warum sie misslungen sind. Wir sollten uns auch nicht dabei zurückhalten, etwas mehr Lob gegenüber Haupt- und Ehrenamtlichen auszusprechen. Oft scheint mir das Gegenteil weitaus üblicher zu sein.
Ich komme viel rum. Ich finde nicht immer alles gelungen, was ich sehe oder erlebe. Es geht nicht allen wie mir. Aber vielleicht geht es doch vielen wie mir. Und dann können wir in der Tat etwas tun. Wahllose Beispiele:

Sitzungen, die zu lang sind und dann natürlich das Streitpotential erhöhen, v.a. am Ende eines langen Tages. Weil sie nicht richtig vorbereitet wurden oder weil sich die anderen nicht an die Regeln halten oder weil niemand sich beklagt.
Gespräche, die mich ärgern, weil mich der Pfarrer/die Pfarrerin nicht ansieht. Das ist vielleicht in dem Moment schwerer zu klären. Aber in einer anderen entspannten Situation hätte jemand das ansprechen können.
Menschen, die mich nerven. Aber, wenn ich mich nicht bemühe, ihre Situation zu verstehen und auch mein Unbehagen auszusprechen, dann wird sich nie etwas daran ändern.
Hier können wir noch an der Qualität unseres kirchlichen Handelns arbeiten.

c) Mitgliederentwicklung, Finanzen, Immobilien
Das Statistische Landesamt stellt sehr zuverlässige Prognosen über die Bevölkerungsentwicklung auf.
Die Zahl unserer Kirchenmitglieder von derzeit ca. 1,3 Mio wird sich innerhalb der nächsten Jahre etwa einer Mio annähern. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung kennen Sie ja. Die Zahl der über 60-Jährigen nimmt weiter zu, ebenso die Zahl der über 80-Jährigen. Es gibt weniger Kinder und Jugendliche. Und dann kommt noch hinzu, dass die Evangelischen noch weniger Kinder auf die Welt bringen als die Katholischen.
Der nachkommenden Generation muß also ein besonderes Augenmerk gelten. Sie gehören zur geringer werdenden Zahl derer, die morgen noch in der Kirche sein sollen oder überhaupt etwas damit anfangen können.
Zugleich wird das Potential der aktiven Menschen im Ruhestandsalter zunehmen, die nach Sinn oder Aufgaben in der Gemeinde suchen.
Wir werden aber auch immer mehr betagte Gemeindeglieder haben, die z.B. den Gottesdienst nicht besuchen oder besuchen können.
Mit dem Rückgang und der Veränderung der Kirchenmitglieder wird natürlich auch eine Veränderung des kirchlichen Raumangebotes einhergehen.
Die Zahl von derzeit ca. 3000 kirchlichen Gebäuden in Baden orientiert sich noch an einer Kirchenmitgliederzahl, die noch deutlich höher war, als die jetzigen 1,3 Mio. Wir haben zu viele Immobilien, die viel Geld verschlingen (Unterhalt, Nebenkosten, Hausmeister, Reinigung etc.). Die Zuweisungen an die Gemeinden werden sich weiterhin v.a. an den Gemeindegliederzahlen orientieren.
Und wenn Sie jetzt noch, ohne Wirtschaftskrise und mögliche neue Steuergesetzgebungen, daran denken, dass etwa nur die Hälfte unserer gegenwärtigen Kirchenmitglieder im erwerbstätigen Alter sind und von diesen etwa 75 % Kirchensteuer zahlen, dann wird Ihnen deutlich, dass unsere Haupteinnahmeseite als Kirche weiterhin großen Veränderungen und natürlich v.a Verringerungen ausgesetzt sein wird. In den beiden kommenden Jahren ist etwa mit einen Rückgang der Kirchensteuereinnahmen von jeweils 13 % zu rechnen. Auf Deutsch: Das Geld wird weniger. Wir werden uns Vieles nicht mehr leisten können, was wir uns jetzt noch leisten.
Zugleich wird es notwendig sein, über neue Finanzierungsmöglichkeiten nachzudenken. Allein ich denke, dass hier der Spielraum eher gering ist.
Je früher wir diese Veränderungen angehen, umso größer ist unser Spielraum, jetzt und v.a. in der Zukunft. Wir können Dinge rechtzeitig planen und haben noch genügend Zeit zur Umsetzung, ohne, dass wir aus einer Not heraus Sofortmaßnahmen treffen müssen. Wie gesagt, manche Gemeinden haben leider schon den „Not-Fall“ erreicht.
Hier macht die viel gescholtene Landeskirche allerdings schon sehr viel, um nachhaltig in die Zukunft zu gehen und die Gemeinden zu unterstützen bzw. zu entlasten (Bsp.: Vermögen der Pflege Schönau zur Finanzierung von mehr als 50 Pfarrstellen, Pfarrhaussanierungsprogramm, Grüner Gockel, kirchlicher Energielieferer u.v.m.).

d) Ökumene
Wir haben hier ein sehr gutes ökumenisches Klima in der Ortenau.
Die Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche ist in vielen Gemeinden hervorragend. Durch die geplante weitere Vergrößerung der sog. Seelsorgeeinheiten wird es auch Veränderungen im ökumenischen Miteinander geben. Ein Priester wird es mit immer mehr evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrern sowie Gemeinden zu tun haben. Es wird nicht mehr alles so gehen wie bisher. Auch werden die betroffenen katholischen Gemeinden  zunächst einmal ganz andere Sorgen haben als das Gelingen des ökumenischen Miteinanders. Hier gilt es rechtzeitig Gespräche zu führen, wie die gelebte Ökumene sinnvoll weitergeführt werden kann. Dabei sollten wir viel Verständnis, Geduld und Solidarität aufbringen, ebenso wie die Bereitschaft und Phantasie, neue Wege einzuschlagen.
Das grenzüberschreitende Miteinander mit unseren französischen Schwestern und Brüdern ist etwas Besonderes in unserer Region. Hier werden Versöhnung und Miteinander mitten in Europa gelebt. In den letzten Jahren ist es uns wenig gelungen, die nachkommende Generation auf diesen Weg mitzunehmen.
Auch lebt dieses Miteinander sehr stark von persönlichen Kontakten und gewachsenem Vertrauen. Ich weiß jedoch nicht, ob wir mehr geworden sind. Hier könnten vielleicht auch einmal alte Partnerschaften ein wenig neu belebt werden. Es muß nicht an der Sprache scheitern. Wir können auch mit Händen und Füßen reden.
Leider ist es immer noch nicht gelungen, einen AK ins Leben zu rufen, in dem Menschen gemeinsam an diesen wichtigen Fragen weiterdenken. Dazu gehört auch der Blick in die weltweite Ökumene und die Frage, wie es mit der Beziehung zur Dongala-Kirche in Indonesien weitergehen soll.
Daher nochmals ein eindringlicher Appell an dieser Stelle: Es wäre wichtig und schön, wenn wir wenigstens aus jedem Regionalgebiet ein bis zwei Personen hätten, die bereit sind, sich zwei- bis dreimal im Jahr zu treffen und für die Region weiterzudenken bzw. Ideen zu entwickeln.
Kommen Sie bitte gerne auf Herrn Moll oder mich zu.

e) Diakonische Herausforderungen
Sie könnten jetzt meinen, der grast heute Abend alles ab. Dem ist nicht so. Ich setze nur Akzente da, wo mir im Moment etwas auffällt oder nachdenkenswert erscheint.
Auch, wenn die Wirtschaft sich etwas erholt zeigt, die sozialen Folgen der Krise werden in ihrem ganzen Ausmaß erst noch auf uns zukommen. D.h. aber auch, sie werden auch auf unsere Gemeinden zukommen. Auf die Menschen, mit denen wir es in unseren Gemeinden zu tun haben, und auf die Menschen, für die wir als Kirche da sind. Das wird in jedem Dorf, in jeder Stadt der Fall sein. Wir werden auf die Folgen der Krise stoßen: Wenn einer Familie die Kindergartenbeiträge zu hoch werden, wenn mehr Familien nicht mehr den Beitrag zur Konfifreizeit bezahlen können, wenn vermehrt auch Leute aus der eigenen Gemeinde Nahrungsmittel benötigen, wenn die Arbeitslosigkeit Folgen für das Klima in der Familie hat etc.
Glauben Sie mir. Ich will hier beileibe nichts an die Wand malen.
Aber wir sind hier auch aufgerufen, vor Ort, Stimme für diejenigen zu sein, die sich nicht äußern können oder auch nicht äußern wollen. Soziales Gewissen und evtl. gezielte Wahrnehmung sozialer Verantwortung wird uns mehr denn je aufgetragen sein und beschäftigen.

f) Kooperationen
Ich hoffe, Ihnen werden die Schultern nicht zu schwer. Nach dem Motto, was will der uns denn noch alles aufhalsen. Was sollen wir denn noch alles machen? Das kann ja Keiner alleine stemmen! Das soll auch niemand alleine stemmen!
Kooperation ist angesagt, übergemeindliche Zusammenarbeit. Mehr denn je!
Und hier, liebe Schwestern und Brüder, hier sind der Phantasie und dem Willen keine Grenzen gesetzt. Was wir miteinander tun können, das sollten wir gemeinsam tun. Nicht jeder muß alles tun oder haben.
Wir können uns ergänzen und unterstützen. Das gilt für begleitende Angebote zu den Kasualien genauso wie für Überlegungen zur gemeinsamen Nutzung kirchlicher Gebäude.
Es gilt für ökumenische Aktivitäten genauso wie für das gemeinsame Wahrnehmen diakonischer Verantwortung in einem Regionalgebiet.
Warum setzten Sie sich nicht einmal in den Regionalgebieten oder in benachbarten Gemeinden zusammen und überleben, ohne Not und Zwang, und vielleicht mit ganz viel Mut und Phantasie, was wir besser miteinander und nicht jeder für sich tun können.

3. Wer begleitet uns?
Gott sei dank sind wir nicht allein! Gott sei dank müssen wir all das nicht allein schultern oder gar umsetzen!
Liebe Schwestern und Brüder,
Gott begleitet uns mit seinem Segen. Jeden Sonntag bitten wir von neuem darum. Bei jeder Amtshandlung spielt er eine große Rolle.
Worum es beim Segen geht, das hat Dietrich Bonhoeffer für mich in beeindruckender Weise formuliert:
Die Antwort des Gerechten auf (den Unfrieden in der Welt), auf die Leiden, die ihm die Welt zufügt, heißt: segnen. …. Nicht verurteilen, nicht schelten, sondern segnen. Die Welt hätte keine Hoffnung, wenn dies nicht wäre. Vom Segen Gottes und der Gerechten lebt die Welt und hat sie eine Zukunft. Segnen, das heißt die Hand auf etwas legen und sagen: Du gehörst trotz allem zu Gott. So tun wir es mit der Welt. Wir verlassen sie nicht, wir verwerfen, verachten, verdammen sie nicht, sondern wir rufen sie zu Gott.
Gottes Ort in der Welt ist sein Wort. Sein Wort kann jeden Ort zu einem „Haus seiner Gegenwart“ machen.
Der Segen ist die Nähe Gottes in seinem Wort, das die Menschen auf all ihren Wegen begleitet.
Mit der Bitte um den Segen Gottes treten wir ein in das Haus seiner Gegenwart. Ein Ort, an dem Vertrauen möglich ist, Gnade erfahrbar wird und die Zukunft im besten Sinne offen steht.
Was dort im Einzelnen geschieht, das können wir nicht sagen oder gar vorhersagen.
Wie er die Zusage seines Segens einlöst, das ist ganz allein Gottes Sache. Und das ist gut so!
Das Einzige, worauf wir uns berufen können, was sicher ist, das ist die Tatsache, dass Gott mit seinem Namen für seinen Segen einsteht. Er hält uns sein Haus ganz weit offen, weil es eben sein Haus ist und kein anderes.
Und wir dürfen kräftig daran mitbauen, mit unseren Fähigkeiten und unseren Unfähigkeiten, weil wir in diesem Haus Hoffnung und Zukunft haben.
Darauf können wir vertrauen.