Predigt Erntedank 2008 – 400 Jahre Marktrecht

Lutherbibel 1545: Hebr. 13, 15+16:

SO lasset vns nu opffern / durch jn / das Lobeopffer / Gotte allezeit / das ist / die Frucht der lippen / die seinen Namen bekennen.

Wol zu thun vnd mit zu teilen vergesset nicht / Denn solche Opffer gefallen Gott wol.

Liebe Schwestern und Brüder,

Wie könnte sich – vor 400 Jahren – im Hanauerland, bzw. hier in Bischofsheim am hohen Steg - eine Erntedankpredigt angehört haben? Vielleicht so:

Herr im Himmel, Gott auf Erden,

Herrscher dieser ganzen Welt!
Lass den Mund voll Lobens werden,
da man dir zu Fuße fällt,
für den reichen Ernten-Segen
Dank und Opfer darzulegen.
Vater, der du aus Erbarmen
auch die bösen Kinder speist,
der du beides Reich und Armen
deinen Segen hast beweist,
sei auch reichlich nun gewiesen,
daß du so viel Guts erwiesen!

Du hast früh und spaten Regen
uns zu rechter Zeit geschickt,
und so hat man allerwegen
Auen voller Korn erblickt,
Berg und Täler, Tief und Höhen
sahen wir im Segen stehen.

Als das Feld nun reif zur Ernte,
schlugen wir die Sichel an,
da man erst recht kennen lernte,
was dein großer Arm getan.
Werden bei des Segens Menge
Doch die Scheuren viel zu enge!

Ach! Wer ist, der solche Güte
Dir genung verdanken kann?
Nimm ein dankbares Gemüte
Vor die große Wohltat an!
Alle Felder sollen schallen:
Du machst satt mit Wohlgefallen.

Gib nun, daß wir deinen Segen,
den Du jetztund hast beschert,
also suchen anzulegen,
daß der Fluch ihn nicht verzehrt:
bleiben wir in alten Sünden,
kann das Gute leicht verschwinden.

Schenk und auch vergnügte Herzen,
Stolz und Geiz lass ferne sein,
lass den Undank nichts verscherzen,
streu das Saamskorn wieder ein,
daß wir jetzt und künftig haben,
auch die Armen zu begaben.

Lass dein Wort auch Früchte bringen,
daß man täglich ernten kann,
so wird man hier täglich singen,
wie du uns so wohl getan.
Gib auch nach dem Tränen-Saamen,
Freudenernt im Himmel, Amen!

 

Ja, so wie diese Worte aus dem „Girrenden Täublein“, aus dem Hanau-Lichtgenbergischen Gesangbuch – und wohl einiges ausführlicher und länger und mit Verweis auf den neu gegründeten Bischemer Markt, könnte eine Erntedankpredigt in der evangelischen Vorgängerkirche vor 400 Jahren hier im Ort geklungen haben.
Wie schon bei den alten Gebeten zu hören war, weiß man in jener Zeit noch sehr um Gefahren, denen man täglich ausgesetzt ist.
Im Gebet wird Gott angefleht – und man verweist ihn auf die Dringlichkeit der Hilfe, denn sein Widersacher der Teufel, geht umher und suchet, welchen er verschlinge.
Von der Freude über eine reichlich mit der Sichel eingeholte Ernte kann in jener Zeit nur die Rede sein, wenn man zugleich mit den Freudentränen die Tränensamen erwähnt, die bis dahin geflossen sind.
Gottes Segen ist das eine – und knapp daneben wartet schon unsere Sünde, etwa Geiz und Stolz, und der Fluch, in Urzeiten über unserer Erde gesprochen, ist schnell aktualisiert. So spüren wir etwas von der gebrochenen Haltung des Menschen im 17., 18. Jahrhundert der Schöpfung und der Welt gegenüber. Es stehen sich gefallene irdische Welt und gnadenvoller Himmel weit gegenüber – eine Wahrnehmung der Welt, die wir heute erst verstehen können, wenn wir uns bewusst machen, wie sehr Krankheit, Seuchen, ständige Kriegswirren und – gräfliche Durchlaucht mögen mir das itzt verzeihen! – Willkür der Regierenden das Leben erschwerten: solche Erlebnisse führten wohl zu einer Polarisierung zwischen Gut und Böse, Himmel und irdischem Jammertal.

Wir haben etwas von jener gegensätzlichen Wahrnehmung der Welt damals in unseren heutigen Gottesdienst aufgenommen, indem wir – wie es früher üblich war - Männlein und Weiblein getrennt zu setzen versuchten (wohl mit einigem Erfolg!), wobei wir auf weitere Sitzverteilung, also auf gesonderte Plätze für die Unverheirateten und Jungfrauen verzichtet haben. Auch sitzt der Ihro Hochgräfliche Gnaden, der Hochgeborene Herr, Herr Johann Reinhard, Graf zu Hanau, Rhieneck und Zweibrücken, Herr zu Müntzenberg, Lichtenberg und Ochsenstein, Erb- und Marschall und Obervogt zu Straßburg, unser weiland gnädigster Graf und Herr nebst seiner ….hochgeborenen-usw-Gemahlin, auf einem besonderen Platz, über den Niederungen des gemeinen Volkes erhoben.
Ebenso gegensätzlich haben wir, d.h. unsere begabten Diakoniefrauen, die wieder einmal so liebevoll und kunstfertig unsere Kirche geschmückt haben, die im Ort von unseren Konfirmanden eingesammelten Erntedankgaben in zwei Stapeln aufgestellt – links vor dem Altar jene Gaben, die man vor 400 Jahren ernten konnte – und rechts alles, was es heute an Früchten, Gemüse und Obst gibt; welch ein Unterschied, nicht wahr!? Vor 400 Jahren gab es bei uns noch keine Kartoffeln, noch keine Tomaten, weder Paprika noch Zucchini und noch vieles andere nicht. Wie eintönig oder immergleich mag da der Speisezettel gewesen sein, wenn er nicht aufgrund von schlechter Zeit und Missernten noch miserabler war!
Geradezu nach paradiesischer Fülle sieht aus, was uns heutzutage jederzeit (und nicht nur zur Erntezeit) und in bester Qualität – ohne lange Plagerei auf den Feldern bei jedem Wetter – an landwirtschaftlichen Erzeugnissen erhältlich ist. Wenn man diesen Unterschied betrachtet, wird man wohl voller Freude dankbar sein – Gott gegenüber – für all das, was wir uns heute leisten können und dürfen – aber wir dürfen auch all jenen Menschen dankbar sein, die uns zum Beispiel die erste Kartoffel ins Land gebracht haben, die erste Kiwi-Frucht, die erste Maispflanze, den ersten Sack Mandarinen oder Bananen. Kennen wir die Namen jener Leute? Kaum – die Bringer der wichtigsten Dinge sind oft namenlos geblieben.
Wir dürfen dankbar sein dafür, daß es Globalisierung schon jeher gegeben hat. Und – ganz ähnlich wie heute – schon damals hat der Prozess der Globalisierung auf der einen Seite viel Elend, auf der anderen Seite aber viel Reichtum und Glück und Verbesserung des Lebens hervorgerufen. Ganze Indianerstämme wurden ausgelöscht – ihr Gold wurde nach Europa gebracht. Schwarze wurden millionenfach versklavt und mussten unter härtesten Bedingungen die Baumwollfelder im Süden Amerikas abernten.
Auch heute ist es in vielem nicht anders. Es gibt einen Raubtierkapitalismus, der hierzulande Menschen ohne die geringste Verantwortlichkeit arbeitslos auf die Straße setzt, um andernorts, in Dritt- und Schwellenländern enorme Gewinne in Privathand zu scheffeln – ungebunden an Steuervorschriften oder gewerkschaftliche und ökologische Einschränkungen. Daß solche Heuschreckenmanier nur abgefressene leere Landschaften hinterlässt, bemerken wir jetzt – wie zu erwarten – beim US-amerikanischen Finanzdebakel – und staunen nicht schlecht, wie verschiedene Politiker auf einmal anders reden – von Ethik und sozialer Verantwortung - als sei ihnen diesbezüglich ganz neu eine Erleuchtung gekommen!
Schon unsere Hanau-lichtenbergischen Hoheiten versuchten sich einst als Global Players – mit ihrer Ostindischen Kompagnie – wobei sie sich hart verspielten und geprellt wurden – aber die Globalisierung war stets auch segensreich; sie hat den Menschen dieser Welt – trotz aller Verzerrungen dabei – die gute Botschaft der Gottesliebe weiter gegeben, das befreiende reformatorische Glaubensgut und Menschenbild wurde weiter gereicht, Medizin und naturwissenschaftliche Erkenntnisse wurden austauschbar, die Menschenrechtsproklamationen des jungen Amerika und die Forderungen der Französischen Revolution gestalteten die Welt neu und gaben ihr ein menschenfreundlicheres Gesicht. Wie gut, daß es diese förderlichen Prozesse, diese globalen Reifungsprozesse im Haus unserer Welt gegeben hat – und weiterhin gibt!

Liebe Schwestern, liebe Brüder, der von Ihnen aus zu sehende rechte Stapel mit den zahlreichen und unterschiedlichen Erntedankgaben von heute steht für einen wunderbaren Austauschprozess unter allen Menschen dieser Welt und dafür, daß wir unsere Welt verändern und gestalten können, daß wir mit Gott gemeinsam Welt schaffen können, eine Welt, in der zusammen wächst, was zusammen gehört – eine Welt, die sich ergänzen kann, wo man Mangel ausgleicht, die eine gemeinsame Welt, die vielleicht zuerst durch den Handel zusammen wächst, aber vollendet wird durch überall aufkeimende soziale Gerechtigkeit - – christlich gesprochen – durch Nächstenliebe: wie dringend notwendig jetzt am Ende des Erdölzeitalters, am Ende der Zeit, in der Cowboys mit ihrem Schießeisen Weltpolitik treiben.
Doch nun, am Ende meiner Ansprache: Zurück zu uns, zurück nach Bische, nach diesem weiten Ausflug in Geschichte und Zeitgeschichte!

Der historisch heuer vor 400 Jahren hier in Bische eingerichtete Markt war ebenso ein gutes Stück soziale Gerechtigkeit, wurden doch die Händler, die vormals nur durch unseren Ort nach Straßburg zogen, hier angehalten – und ein Austausch von Waren und Wissen auch hier ermöglicht – zur Wohlfahrt hiesiger Bürger. Damit steht dieser Markt symbolisch für das, was heute auch die Weltwirtschaft wieder erreichen muß: einen gegenseitigen Austausch, eine Kommunio, um Kirchendeutsch zu sprechen, was uns alle weiterbringt – nicht nur an Erfolg, Profit und Reichtum für wenige, sondern an menschlicher Würde und Reife aller, an liebevollem Umgang miteinander – auch mit dem Fremden und Unbemittelten, an sozialer Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Leicht ist diese Aufgabe einer sozial gerechten und ökologischen Weltwirtschaft im Nach-Öl-Erdzeitalter nicht – wenn wir uns aber weiterhin vor Augen halten, wie die heutigen Erntedankgaben farbenfroher, vielfältiger und schmackhafter aussehen als die noch vor wenigen Hundert Jahren, dann kann man nur sagen: und es lohnt sich doch!
Lasst uns also sehnsuchtsvoll und zuversichtlich auf den für alle gerechten Welt-Markt zugehen - Gott zu Ehren – und deshalb umso mehr Erntedank feiern: wir danken dir, du Herr des Lebens! Amen