Dr. Gerhard SCHILDBERG - Genesis der Einführung der Reformation
Das Thema ist sehr weit gefächert und auch der Einstieg in die Materie kein leichter. Hier, einige Kilometer von der französischen Grenze und von den französischen Glaubensbrüdern weg, dachte ich, daß es ein guter Einstieg in die Thematik unseres Abends sein könnte, wenn man schlicht die Einführung der Reformation in französischen Landen mit der Einführung in deutschen Landen vergliche. Da durch wird gar vieles erhellt und verständlich. Über den Konfessionswechsel im 16. Jahrhundert kann man nicht sprechen ohne einen Blick auf die politische Lage, ohne eine Betrachtung der politischen Strukturen. Denn sie waren ausschlaggebend, und gerade der Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich ist besonders aufschlußreich.
Frankreich war ein zentralistischer und zentralisierter Staat, mindestens seit dem Jahr 1000. Wer sich das verdeutlichen will, mag sich eine Karte der französischen Kanäle vornehmen, der französischen Straßen und - in neuerer Zeit - der französischen Eisenbahnen. Alle diese Karten gleichen einem Spinnennetz, mit der Hauptstadt Paris in der Mitte, dem Sitz der allmächtigen französischen Könige, der Hüter des Glaubens. Adel gab's wohl, aber der hatte wenig zu sagen, war politisch entmachtet, hatte keine Regierungsgewalt, keine Armee und keine Münzpräge. Andere Zustände während der Religionskriege bildeten da nur kurze, vorübergehende Ausnahmen. Frankreich war die fille aînée de l'église, der oberste Gralshüter der römischen Lehre. Und auch heute noch ist es bezeichnend, wie Königshaus und Katholizismus eine Einheit bilden. Wurde doch dieser Tage in den Medien den staunenden Franzosen ihr neuer Kronprätendent vorgestellt, der prince Jean de France. In einem Interview sagte er, daß die einzige Bedingung, die er an seine zukünftige Frau stellen wird, die der Zugehörigkeit zur katholischen Religion sein wird. Bürger mit eigenen Rechten gab es im Frankreich des 16. Jahrhunderts nicht. Es gab nur Leibeigene, die zu zahlen und zu fronen hatten. Sie waren Besitz. Wer sich dem widersetzte, hatte Schlimmstes zu vergegenwärtigen und zu erleiden: Scheiterhaufen und Galeeren, Turm und Tod, wobei hier kein Begriff übertrieben ist. Viele Museen der Hugenotten sind Beweise dieser Vertreibungen und Abschlächtereien, nennen wir nur den großen Turm von Aigues-Mortes, in dem Frauen wie Marie Durand 38 Jahre wegen ihres Glaubens einsaßen, oder das Musée du Désert in Mialet, wo über 680 Menschen aneinander gekettet und weggeführt und ihre Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden. Die Logik ist ganz eindeutig: Mein Besitz hat mir zu gehorchen, meine Tiere dürfen ja auch nicht machen, was sie wollen. Konvertierte einmal ein Adliger, der eh nicht viel mehr tun durfte, als bei Hof eben zu hofieren, ein Coligny, ein Rohan, dann betraf das nur ihn, nicht etwa ein Territorium. Die Konversionen geschahen somit in Frankreich individuell, waren persönlich, waren zugleich meist gegen die Herrschaft, und hier fängt das Heldentum dieser Menschen an, die die Märtyrer zu Hunderttausenden zählen. Meist war man auf die Bibel gestoßen, die man als höchsten Schatz hütete, im Gebälk und gar im Haarknoten versteckte, hatte Ungereimtheiten mit dem Bestehenden gefunden, ja Widersprüche. Man war selbst zu einer Wahrheit gestoßen, die die eigene wurde, ja zur überzeugung wurde, für die man bereit war, auf die Barrikaden, also auf die Galeeren, und für die Prediger, in den sicheren Tod zu gehen.
Schon die Karte zeigt, die, besonders vor Napoleon, ein recht bunter Flickteppich war, daß wir es hier nicht mit einem zentralistischen Staat, sondern mit vielen Territorien zu tun hatten, mit zahlreichen Adelsgeschlechtern, von den Baronen bis zu den Königen und Kurfürsten, die allesamt ein eigenes Staatsgebilde besaßen, und wenn's nur ein oder zwei Dörfer waren. Man war dann eben reichsunmittelbar, aber ansonsten sein eigener Herr, mit eigenen Truppen, eigner Regierung und oft eigener Münze. Kirchlich gesehen war jeder evangelische Territorialherr auch evangelischer Bischof. Eine kleine Illustration dieser politischen Zustände kennen die Briefmarkensammler. Nehmen sie französische Briefmarken von vor 1918 oder gar vor 1871: Da gibt's den Napoleon, und dann die französische Republik, die eine und unteilbare - und damit hat sich's. Fast langweilig, französische Briefmarken jener Zeit zu sammeln, während auf deutscher Seite es nur so wimmelt von bayerischen und preußischen, badischen und hessischen und Thurn und Taxis, und Lippe-Detmold usw. Und da wir es in Hanau-Lichtenberg mit einem deutschen Fürsten und einem deutschen Territorium zu tun haben, werden wir dieser germanischen Art der Einführung der Reformation zu folgen haben, mit all ihren Stärken und Schwächen. Gewiß erst 1648 mit dem westfälischen Frieden wurde die klassische Formel offizialisiert: cujus regio, ejus religio (frei übersetzt: Wie der Regierende so die Religion), aber dies war ja in der Praxis - auch bei uns - schon mehr als ein Jahrhundert geübt worden. Konnte sich ab 1520 ein Fürst nicht zur Reformation durchringen - meist auch aus politischen Gründen - dann blieben eben seine Leute wie er: so auch bei uns unter Philipp III, wie wir nachher noch sehen werden. Ging der besitzende Adlige jedoch zur Reformation über - oft durch den Sohn solch eines renitenten Vaters - hatte jedermann in Stadt und Land zu folgen und tat es auch. Wurde der Herr militärisch-politisch schwach - wie unsere Hanau-Lichtenberger am Ende des 17. Jahrhunderts, wurde aber dafür ein benachbarter Herr stark - wie Ludwig XIV., dann wurden ganze Landstriche über Nacht rekonvertiert, etwa durch speziell dafür gedrillte Dragoner. Da das Elsaß keine Ostgebiete verloren, sondern nur ein großes Westgebiet dazu gewonnen hat, ist die konfessionelle Karte drüben noch nicht so verwischt wie im Nachkriegs-Deutschland. Machen wir einmal in Gedanken eine Spazierfahrt von Straßburg ins Breuschtal, das Sie alle kennen, und diese Gepflogenheit wird deutlich: Wie der Herr, nicht so's Gscherr, aber so die Konfessionszugehörigkeit. Am Rande Straßburgs kommen wir zuerst ins evangelische Wolfisheim, evangelisch, weil hanauisch. Zwei Kilometer weiter beginnt Oberschaeffolsheim, ganz katholisch, weil ehemals bischöflich. Dann kommen wir nach Breuschwickersheim, evangelisch wie ein ganzer Kranz von Dörfern rund um Straßburg, alle evangelisch, weil Besitz des ehemaligen Magistrats der Stadt Straßburg. Hinter Breuschwickersheim kommen wir, egal wie wir fahren, durch bischöfliches, also katholisches Gebiet des Amtes Dachstein, und prompt sind wir hinter Molsheim wieder im evangelischen Dorlisheim: Stadtbesitz. Hinter Mutzig ist das ganze Tal bischöflich, also katholisch, bis das Steintal beginnt, die evangelische Gegend, in der Oberlin wirkte, evangelisch, weil die gefürsteten Reichsgrafen Salm zur Reformation stießen. Auf der hiesigen, jetzt badischen Seite finden wir ähnliche Verhältnisse; trotz 1945: Unsere beiden ehemaligen Ämter Willstätt und Lichtenau sind meist evangelisch geblieben und haben nur katholische Minderheiten. Das katholische Honau jedoch war früher elsässisch-bischöflich (Amt Wanzenau) und kam durch einen Rheinknick auf die deutsche Seite. Die Straßburger Bischöfe hatten große Besitzungen hier, auf die sie sich ja bei der Revolution auch hinflüchteten, die Ämter Ettenheim und Oberkirch, die dementsprechend überwiegend katholisch sind.
Nicht jeder weiß, was dazu gehörte. Willstätt und Lichtenau sicher, aber es gab noch elf andere Ämter (ein damaliges "Amt" entspricht heute einem kleinen Kreis) ja gar zwölf, wenn man Schaafheim (heute Hessen) dazuzählt. Ein Amt, Lemberg, liegt in der heutigen Pfalz (mit Pirmasens) und in Lothringen (Bärenthal), eins bei Straßburg, das schon genannte Wolfisheim, die größten sind Ihnen bekannt: Buchsweiler, Ingweiler und Brumath'; aber auch das zwangsrekatholisierte Amt Offendorf. Gewiß, war auch in Hanau-Lichtenberg die Einführung der Reformation eine Sache der Fürsten, aber sie kam den Einwohnern und ihren Wünschen doch stark entgegen. Nicht nur erwartete man, zu Recht oder nicht, Befreiung von Frondiensten, Zehnten und sonstigen zu hohen Abgaben, aber man war auch voller Verdruß und Empörung gegen den Klerus, besonders den Klerus in den auffällig reichen Klöstern, einer Geistlichkeit, die das Sagen hatte, in der Frage des Besetzungsrechts der Pfarreien, und dieses nach Laune und Kalkül auch manipulierte ... Das Beispiel von Buchsweiler ist da wohlbekannt, wo die Stiftsherren den Gehalt für die üppige Pfarrei Buchsweiler jahrelang für sich behielten, einfach durch Nichtbesetzung der Pfarrstelle. Als dann im Sommer 1541 die Pest ausbrach, war in der ganzen Umgebung weder Priester noch Kaplan, um die Toten zu beerdigen. Auch in langen Generationen brachten die Grafen die Neuweiler Stiftsherren nicht zum Aufgeben, die besonders nach 1648 einen kleinen katholischen Staat im evangelischen größeren Staat bildeten ... bis heute. Der Plan zur Einführung der Reformation in Hanau-Lichtenberg ist insofern einfach und vorgegeben, als in unserer Gegend die wichtigsten Personen der Reformationsgeschichte alle den gleichen Vornamen trugen: Philipp, III., IV.,V.
Mit dem Buchtitel von Walter Flex könnte man ihn nennen: Der Wanderer zwischen beiden Welten, zwischen der alten katholischen Ära, der sein konservativer Teil verbunden blieb, und der neuen reformatorischen Zeit, die ja nicht nur Dogmen, sondern auch Zustände ändern wollte. Philipp III., der in etwa ein Zeitgenosse Luthers war, war in den 20er Jahren, als die ersten lutherischen Schriften zirkulierten, diesen gar nicht abgeneigt. In einem seiner Briefe heißt es: "Ich will keinesfalls der Ausbreitung des Evangeliums ein Hindernis sein, im Gegenteil..." Als er von der Verheiratung des Lichtenauer Priesters, Martin Enderlin, erfuhr, sagte er: "Laßt ihn doch predigen!" Er schickte gar Anfang 1525 selbst einen evangelischen Prediger nach Neuweiler, in die bereits genannte katholische Hochburg, der sich allerdings nicht halten konnte. Dies war jedoch vor dem Bauernkrieg. Als sich dann die wüsten Haufen der Bauern, chaotisch und mordend, zusammenrotteten, distanzierte sich selbst Martin Luther von ihnen, weil er sah, wie sie der Sache des Evangeliums schadeten, aber es war zu spät. In den Augen vieler wurden Protestanten und Bundschuh in einen Sack gesteckt. Als der evangelische Bauernhaufe die Stadt Buchsweiler gestürmt und angezündet hatte, war auch bei Philipp III. das Maß voll und übervoll. Die Vorkommnisse stärkten seine alte konservative Ader und entfernten ihn endgültig von der Sache der Neuerer. Für Kenner des hanauischen Mikrokosmos zeigt sich dies am Beispiel des hanauischen Dorfes Geudertheim, das Philipp III. damals noch zusammen mit dem reichsunmittelbaren Wurm besaß. Wurm wollte in seiner Dorfhälfte die Reformation einführen: Der Graf weigerte sich. Besonders nach den Verträgen von Renchen (25. Mai 1525) verbot der Graf jeden Konfessionswechsel, gebot auch bei Strafe seinen Untertanen, die bisherigen katholischen Feiertage zu halten. Nachdem die Sache der Bauern verloren war, in Zabern und anderswo Zehntausende von ihnen niedergemetzelt worden waren, war es Philipp III. wieder wohler. Er verbot 1526 die Totenmessen (Seelenmessen), und lud Capito zu einer Besprechung bei sich ein. Wie wir von einem Brief Capitos an Zwingli wissen, mißtraute er diesem, und witterte, ebenso wie der Straßburger Magistrat, einen Hinterhalt des Grafen: Capito ging nicht hin. Mit dem Straßburger Magistrat ist wohl auch das Stichwort gefallen, das die endgültige Abwendung Philipp III. von der Reformation erklärt, denn daß bei der Einführung der neuen Konfession stets nur reine Fragen des Evangeliums und keine politischen Faktoren im Spiel waren, glaubt kaum einer. Philipp III. mochte die stolze Republik Straßburg nie recht leiden, besonders seit sie nach dem Bauerngemetzel viele Flüchtlinge hinter ihre schützenden Mauern aufgenommen hatte. Straßburg nannte das den "freien Zug", Philipp III. wollte aber jene aburteilen, die die wüsten Haufen angestiftet hatten. Dies galt im Besonderen auch für den Eckartsweierer Georg Hörder, einen ehemaligen Rädelsführer der Bauern, der schnell das Straßburger Bürgerrecht erworben hatte, um vor dem harten Herren Hanau-Lichtenbergs sicher zu sein. Diese Geschichte würde jeden Berliner oder Pariser langweilen, aber hier in der Nähe - und vor vielen Hanauern - kann man sie etwas ausführen. Als Hörder bereits seine Sachen auf die Umzugswagen geladen hatte, ließ ihn der Amtmann im Willstätter Schloß gefangen setzen. Die in ihrer Ehre gekränkten Straßburger ließen sich das nicht bieten: Sie verlangten Hörders Freisetzung, und als diese nicht schnell genug vor sich ging, zogen sie mit 600 Mann und zwei Geschützen in den Krieg gegen Hanau-Lichtenberg und Willstätt. Bei soviel Aufwand war Hörder bald frei und, um den Sieg zu feiern, wurde ein wildes Zechgelage veranstaltet, wobei man auch ein wenig auf das Schloß ballerte. Hörder, mitsamt dem Amtmann von Willstätt als Geisel, wurden nach Straßburg gebracht, was alles wieder den Herren Grafen höchst zu indisponieren geruhte. Es gab einen langen Prozeß, der noch nicht ganz ausgestanden war als Philipp III. zwölf Jahre später starb. Wüste Bauernhaufen, Straßburg, Evangelische waren von nun an für den alten und kranken Herren eins. Er duldete keine evangelischen Prediger mehr, verjagte den Pfarrer Johann Englisch aus Buchsweiler, der prompt bei den Straßburgern Freiprediger am Münster wurde. Philipp III. wollte zwar immer noch Reformen, aber nicht mehr DIE Reformation. Er starb katholisch acht Jahre vor Luther, 1538.
Dieser Sohn Philipps III. ist der eigentliche Reformator der Grafschaft. Er war 1538 erst 24 Jahre alt, und verheiratet mit der evangelischen Eleonore von Fürstenberg, die allerdings sehr bald, mit 21 Jahren sterben mußte. Philipp IV. wird von den Historikern als intelligent, gebildet und zielbewußt beschrieben. Die Wechselbäder seines Vaters lagen ihm nicht. Schon im ersten Jahr seiner Regentschaft unternahm er die ersten Schritte zur Reformation hin. Er holte sich einen Hofprediger, der den Evangelischen zuneigte: Theobald Groscher. Dieser begann auch sogleich die Buchsweiler Schule zu reformieren, und wurde später Superintendent der unteren Grafschaft Hanau, mit Sitz in Babenhausen. Bald machte sich der Sohn auch daran, die von seinem Vater ererbten Querelen zu bereinigen. Mit Straßburg ging dies leicht, als der Magistrat merkte, daß hier einer zu dem gleichen Glauben wie er tendierte, eben zum evangelischen Glauben. Die Messe in Buchsweiler wurde abgeschafft, in andere Hauptorte der Grafschaft wurden evangelische Prediger ernannt. Das gefiel den Straßburgern: Die Verhandlungen liefen wie geschmiert, und mit dem sogenannten Hagenauer Abschied vom 16. September 1547 war alles geregelt. Mit dem reichen Neuweiler, einem Staat im Staat, war alles härter und zäher. Das Stift stellte ja finanzielle und geistliche Ansprüche an den größten Teil der Grafschaft, wo es die Kollationsrechte hatte, also einen Teil oder alle Einkünfte eines Dorfes kassierte, aber dafür auch den Pfarrer und die kirchlichen Gebäude zu unterhalten hatte. Die Stiftsherren selbst brauchten viel Geld: Zum einen war bei ihnen der Eintopf verpönt, zum anderen waren die meisten beweibt, hatten zum Teil sogar Nachwuchs ... So vernachlässigten sie eindeutig die Verwaltung der Pfarreien, ließen die Pfarrhäuser verkommen und leer stehen, wobei sie dann wieder die Gehälter sparten. Es war eine richtige Konfrontation, der Kampf um die Vorherrschaft. Da die katholischen Fürsten, voran der Kaiser und die Herzöge von Lothringen und im 17. Jahrhundert erst recht die französischen Könige, die Neuweiler unterstützten, war ihnen schlecht oder gar nicht beizukommen. Philipp IV., übrigens wie teilweise sein Vater schon, kaufte Kollationsrechte auf, ernannte evangelische Pfarrer nach Buchsweiler und bezahlte sie selbst, unterstützte Groscher, der ein heftiges Pamphlet geschrieben hatte, wohl 1544 verfaßt, in dem er die Messe angriff und sie biblisch widerlegt. Philipp IV. hatte eben seine junge Frau verloren und war besonders erschüttert und empfänglich. Die Worte, die Groscher an den Grafen adressierte, sind klar und wichtig genug, daß man sie hier zitiert, denn sie bewogen schließlich den Grafen, seinen Besitz systematisch zu reformieren. Groscher sprach also seine Uberzeugung aus, daß (Zitat), der "Graf, der doch in seinen Landen das Evangelium rein und lauter predigen zu lossen schuldig und gutwillig sei, nach Kenntnisnahme dieser Schrift die Mess, die weil dieselbig ein greulicher Mißbrauch dess Nachtmohls Christi ist, furderlichen abschaffen und vor das erst zu Bussweiler hinweg thun lossen; dann Euer Gnaden könten mines Erachtens die selbig further one grosse sund nit mehr gedulden." Das war deutlich und der Graf ließ sich von der Schrift überzeugen. Er bat den Straßburger Reformator Bucer um Unterstützung. Bucer reagierte sehr schnell. Er schickte drei Theologen nach Buchsweiler, gab ihnen einen Brief und zwei theologische Schriften zur Reformation mit. Eine Kirchengemeinschaft mit dem benachbarten Hanau-Lichtenberg haben zu können, das erfreute natürlich Bucer und den ganzen Magistrat... Die drei Prediger kamen am 13. März 1545 in Buchsweiler an. Sofort begann man mit dem gräflichen Sekretär und dem Oberpfarrer Theobald Groscher in großer Einmütigkeit zu besprechen, was in den kirchlichen Einrichtungen verändert, was belassen werden sollte. Hier kann nicht der Ort und die Zeit sein, in zu große Details zu gehen, und dennoch nähern wir uns hier dem Herzstück unseres Themas in dem Stil: Jetzt geht's eigentlich erst richtig los! In der Hauptsache wurde beschlossen, die zwei Jahre zuvor (1543) von Bucer und Melanchthon verfaßte Cölnische Reformation anzuwenden. In Anwendung und Anlehnung an diese Kirchenordnung wurden den Geistlichen vier Hauptanliegen vorgetragen: - Luthers Katechismus wurde für die Unterrichtung empfohlen,
Philipp IV. ging nun mit noch größerem Eifer daran, die Pfarrbesetzungsrechte für alle Dörfer, die in seinem Territorium gelegen waren, nach und nach zu erwerben. Jetzt konnte er über die Ernennungen bestimmen, und nicht mehr die katholischen, also ungünstig gesonnenen Collatoren in den Klöstern! Es spricht für die Toleranz Philipps und die Art Bucers, daß die renitenten Priester vorerst, und zumindest bis zum Passauer Frieden (1552), bleiben konnten, denn anderswo wurden sie bei Einführung der Reformation meist gleich vertrieben. So gab es innerhalb der Grafschaft bei der Umwandlung kaum Probleme, aber draußen in der Welt der großen Politik sah es anders aus. Innerhalb von 14 Monaten starben drei Schlüsselfiguren des Protestantismus: Im Februar 1546 Martin Luther, im Februar 1547 Heinrich VIII. von England, der seine Kirche von Rom getrennt hatte, und einen Monat darauf, im März 1547, Francois I.er, der, aus lauter Haß gegen das Haus Habsburg, sich mit den protestantischen Reichsständen verbunden hatte. Diese Sterbefälle konnten nur die Position des Kaisers Karl V. stärken, der auch prompt einige Wochen danach im April 1547 die Protestanten bei Mühlberg schlug. 1548 setzte er das Interim von Augsburg durch, das unter anderem die sieben Sakramente und den Heiligenkult wieder einführte. Philipp IV. mußte auch einige Rückschläge einstecken. Seine feste Stütze, Bucer, wurde 1549 vom Kaiser bedroht und verjagt, Straßburg verlangte Blasius zurück. Der Erzbischof von Mainz, dessen Vasall der Graf war, drohte unverhohlen. Und zwei Jahre später fing das Konzil der Gegenreform in Trient an. Aber es gab auch Positives für unseren Grafen. Im Passauer Vertrag 1552 mußte der Kaiser zurückstecken. Der Augsburger Religionsfriede gewährte, fast 100 Jahre vor dem Westfälischen Frieden, das Prinzip des die Religion bestimmenden Regierenden. Die letzten katholischen Priester konnten nach und nach durch evangelische Pfarrer ersetzt werden: 1554 kam der letzte evangelische Pfarrer der Grafschaft nach Auenheim, wobei sein katholischer "Vorgänger" Flavian möglicherweise in benachbarte katholische Territorien ausweichen mußte. 1562 setzte der Graf auch einen evangelischen Pfarrer nach Neuweiler in die Adelphuskirche, wodurch aber der katholische Kultus im Stift nicht abgeschafft war. Wie war die Reaktion des Kirchenvolkes, das ja doch das Recht eines freien Konfessionsübertrittes damals nicht hatte? Sie war durchweg günstig, wenn auch nicht alle Motive geistlicher Art gewesen waren. Viele Mißbräuche und Lasten waren abgeschafft, die Vetterleswirtschaft vieler Kleriker war ebenso unmöglich geworden wie deren mehr als liberaler Lebenswandel. Aber der Urkern des Glaubenslebens selbst? Wie stand es mit der Rechtfertigung durch den Glauben beim Volk? Wie mit dem allgemeinen Priestertum? Wie mit der Verwandlung in der Messe? Hier muß der Historiker passen, er weiß lediglich, daß viele Leute sich damals recht spontan gegen die sogenannte „Götzendienerei der Papisten“ auflehnten, daß sie sich in hohem Maße für geistliche Fragen interessierten, in einer Welt und Zeit, die keinen Atheismus kannten, man sich keine Gottlosigkeit denken konnte. Und schließlich war ja auch die Kirche - die evangelische jetzt - allgegenwärtig in Dorf und Schule. Bei der endgültigen Einführung der Reformation war Philipp IV. ein junger Mann von 31 Jahren. Durch seinen Weitblick und durch seine Zielstrebigkeit war ihm etwas Originelles gelungen, nämlich eine Generation nach dem allmächtigen Straßburg, eine Kirchenerneuerung durchzuführen, die melanchthonisch und bucerisch in der Kirchenordnung, und rein lutherisch im Katechismus war, das Ganze durchtränkt mit einem guten Schuß Liberalität, wie er den etwas satten Bewohnern auf beiden Seiten des Rheins nicht zu schlecht ansteht. Somit eine hanau-isch-philippinische Reformation, die auch heute noch, zumindest teilweise, ihren Charakter nicht gänzlich verloren hat.
Dieser Sohn Philipps IV. regierte bereits zu Lebzeiten seines Vaters in eigenen Besitzungen, die er von seiner Cousine geerbt hatte. Sie war eine katholische Erbin der ämter, die zu Zweibrücken-Bitsch-Ochsenstein gehörten, Ingweiler, Wörth, Lichtenau-Offendorf, Wolfisheim und später Brumath. Seine Frau starb sehr jung, Ende 1569 und der Schwiegervater 1570, so daß Philipp V. nun Alleinerbe war. Er hatte aber dieses Jahr 1570 nicht abgewartet, um in den Dörfern seines Erbteils, etwa in Lichtenau und in Linx, lutherische Pfarrer zu ernennen. Die zwei größten und einflußreichsten Territorien, Straßburg und Hanau-Lichtenberg evangelisch, das konnte nicht ohne Einfluß, ohne Sogkraft bleiben; Kleine Reichsritter, wie die Landsberg, auch größere Besitzungen, wie die Fleckensteiner mit ihren 35 Dörfern, führten jetzt die neue Lehre ein. Manche lutherischen Herren sahen nicht allein im Katholizismus, sondern auch in der reformierten Lehre Calvins einen argen Abfall, und schlossen sich noch näher dem orthodoxen Luthertum an. Nachdem der Kurpfälzer Friedrich III. calvinistisch geworden war, gar auch etwas später ein Hanau-Lichtenberg, hieß es, die lutherischen Reihen fester zu schließen, praktisch, sich also den anderen lutherischen Landesherren politisch und theologisch näher anzuschließen. Das geschah in jener Zeit sehr deutlich mit den lutherischen Markgrafen von Baden. Konkret hatte dies sogar einen bedeutenden Niederschlag. Als der neue Superintendent von Buchsweiler, Brachypodius, was etwas feiner klang als das ehemalige deutsche Kurzschenkel, als dieser bedeutende Herr sich daranmachte, um 1573, eine notwendig gewordene, hanauische Kirchenordnung und Liturgie zu verfassen, übernahm er viele markgräfliche Elemente und Ideen. Die Feindseligkeit dem Calvinismus gegenüber nahm zum Ende des Jahrhunderts noch zu. Ein Diakon von Ingweiler, Matthäus Göbel, der mit den Ideen Calvins liebäugelte, wurde zuerst eingesperrt und dann des Landes verwiesen. Schon 1577 mußten alle Pfarrer der hanauischen ämter die Konkordienformel unterschreiben, ein lutherisch-melanchthonischer Kompromiß, "damit in allen Kirchen und Schulen die gleiche völlige Harmonie der Lehre herrsche", wie es in einem Brief Philipps an den Grafen Mansfeld hieß. Wieder weigerte sich einer, Josias Udenig, Pfarrer in Rheinbischofsheim, und mußte die Koffer packen. Als 1590 Philipp IV. im Schloß von Lichtenberg starb, übernahm sein Sohn alle ämter. Das Territorium nahm sich, geographisch gesehen, recht unzusammenhängend aus, aber theologisch-kirchlich war eine tiefe Einheit zustande gekommen. Durch ernsthafte Katechisierung war der neue Glaube bald solide im Kirchenvolk verankert, und vor allem immer wieder neu unterstützt von einer herrschenden Familie, die überzeugt war von ihrer Sache, und auch entschlossen, dasjenige nicht aufzugeben, was sie im Glauben als das Rechte erkannt hatte. Erst der Pietismus, 100 Jahre später, versuchte die Lehrfundamente dieser evangelisch-hanauischen Hochburg zu erschüttern, was ihm jedoch sichtlich nicht gelang.
Wer zu diesem Thema spricht, hat es nicht leicht. Als Historiker hat er die Aufgabe, die Ereignisse genau so zu beschreiben, wie sie sich ereigneten. Kommen die Pfarrer dabei zu gut davon, heißt es: Kein Wunder, er gehört auch zur Korporation. Berichtet er weniger Erfreuliches, hat das Gesagte schnell ein Rüchlein von Nestbeschmutzung, was mir zuwider wäre. So sei versucht, von allem ein ausgewogen Teil zu bringen, und sich an nichts anderes zu halten, als an das was war. Die Kriege haben die hanauische Zeit auf das einschneidendste geprägt, und deshalb sei auch mit ihnen begonnen. Ganz erschütternd fand ich einen von 1639 datierten Brief des Diakons Jacob Lichtenfelder von Lichtenau - eines theologisch gebildeten Lehrers also - an das Konsistorium: "Ich blieb zwar bisher immer noch auf meinem Posten, aber seit einer gewissen Zeit gibt es außer mir keinen einzigen Bewohner mehr in Lichtenau, und da bin ich als Schulmeister unnütz geworden. Zudem habe ich durch Plünderung alles verloren und bitte um einen anderen Posten." Bei Kriegsgefahr flüchtete man in die Städte, obwohl diese, außer Straßburg, auch nicht immer Schutz boten. So flüchtete auch der hanauische Pfarrer Burkhard Musculus von Imbsheim nach Buchsweiler, zusammen mit seiner schwangeren Frau und drei Kindern. Kurz darauf starb er, 1622, durch Pest oder Kroaten, man weiß es nicht. Ein Leben war wohlfeil. Von seiner Witwe heißt es 15 Jahre darauf, also immer noch im 30jährigen Krieg: "Es haben Soldaten hier in Ingweiler die Witwe des Pfarrers Musculus, welche hier krank lag, dermaßen geängstigt und traktiret, daß sie an einem neuen Umbgeschlag verstorben." (Schlaganfall) Wie es nach dem Dreißigjährigen Krieg aussah, sieht man am Leben des Lichtenauer Pfarrers Michael Faber, der das seltene Glück hatte, diesen Krieg zu überleben. Er schreibt: "Der Kirchhof ist völlig verlassen, die Kirche ist allem Wetter geöffnet, da ohne Dach. Während des Gottesdienstes kommt das Vieh in die Kirche." Man hatte ihm irgendwo im Dorf zwei Stuben eingerichtet, und hatte ihn angefleht, doch kommen zu wollen, um den Gottesdienst zu halten und die drei Kinder, die den Krieg überlebt hatten, zu unterrichten. Faber war bald ernüchtert, denn die Menschen waren verroht und achteten, wie er schreibt, "weder einen Sonntag noch einen Feiertag." Kaum hatte sich das Land von diesem schrecklichen Aderlaß erholt, als in den 70er Jahren das gleiche Elend wieder losging, mit dem französisch-holländischen Erbfolgekrieg. Der Freistetter Pfarrer Christoph Adam berichtet von drei Fluchten: 1675 im Sommer mehrmals vor den Franzosen, die das ganze Dorf, samt der Kirche, brandschatzten: im Juli 1678 lebten die Hanauer mal wieder in Hütten auf den Wörthen, wo sie aber von den Franzosen entdeckt und abermals geplündert wurden, 1689 flüchtete Adam nochmals mit einem Teil seiner Gemeindeglieder nach Straßburg. Die Folgen waren verheerend: 1675 hielt Adam in Freistett 59 Beerdigungen, gegen 9 Taufen. Bis 1682 hielt er den Gottesdienst in der ausgebrannten Kirche, ohne Altar, sein Hauswesen war völlig ruiniert, die Naturalien des Lohnes konnten nur unregelmäßig oder gar nicht ausbezahlt werden. Mit Ruhm und Ehre, wie die Dokumente schreiben, hat sich auch der Wörther Pfarrer Augustin Baltauff bedeckt, der 1675 mit einem einzigen Gemeindeglied im Ort aushielt. Die beiden buken sich Brot aus zerstampften Körnern, aus Kleie und Staub "und haben sich also furtgebracht". Johann Grunelius in Willstätt ging es nicht besser. Als er im Winter 1674/75 gestorben war, gab es im Dorf wegen Kriegsflucht kaum genügend Männer, um ihn zu beerdigen. Kaum hatte die Leiche das Pfarrhaus verlassen, als auch schon die Kaiserlichen das ganze Haus plünderten und der Witwe ihre letzten Wertsachen stahlen. Bei der Revolution ging es nicht entwickelter her. Der hanauische Lehrer von Buchsweiler, Samuel Jacob, muß Unbeschreibliches ausgestanden haben, wie sein Schwiegersohn Hoffmann beschreibt. Die revolutionären Sansculotten nahmen sich das 6jährige Töchterchen zur Zielscheibe, und als der Vater wagte, sich zu beklagen, wurde ihm mit der Guillotine derart ernsthaft gedroht, daß er auf der Stelle nach Württemberg fliehen wußte. Die Magd wurde ins Gefängnis geworfen, weil sie bei einem Emigrierten gedient hatte. Darauf bekam die Ehefrau von Jacob, kaum 30 Jahre alt, das Nervenfieber. Die Jakobiner zwangen einen Militärchirurgen, die Frau dreimal zu schröpfen, bis sie daran starb, drei Waisen hinterlassend. Menschliches, Allzumenschliches hat sich auch auf der anderen Seite des Rheins bei der Zwangsrekatholisierung durch französische Dragoner abgespielt. Das System war einfach und geschah etwa in Herlisheim, Drusenheim, Offendorf und Rohrweiler. Nachmittags kamen ein paar Hundertschaften königlicher Soldaten ins evangelische Dorf, quartierten sich ein und kurz darauf waren die Dörfer katholisch. Der spätere Linxer und Freistetter Pfarrer Johann Jacob Heckel berichtet: In Offendorf ging es etwas länger mit den Bekehrungen. Wer evangelisch blieb, mußte fronen, Riesengeldsummen bezahlen und bekam Einquartierung, die alles kurz und klein schlug, und schließlich anzündete. Erwähnenswert auch sein Eintrag in die Kirchenbücher, die zweite Abkündigung einer evangelischen Hochzeit. Die Hochzeit wurde acht Tage darauf gehalten, aber durch den Priester, der bereits im evangelischen Pfarrhaus saß, als der Kamin noch nicht kalt geworden war. In Buchsweiler selbst ging es nicht besser zu. Pfarrer Kampmann und sein Diakon wurden verhaftet und vier Wochen in Hagenau ins Gefängnis gesteckt. Laufen ließ man sie erst wieder, nachdem sie 230 Gulden bezahlt hatten. Das war, zum Vergleich, damals der Preis von mehr als 15 guten Kühen, und mehr als die Durchschnittsmitgift einer Pfarrerstochter. Das Finanzamt der Grafschaft, das sogenannte Spital von Buchsweiler, mußte die Hälfte bezahlen. Seinem Sohn, Johann Friedrich Kampmann, ging es mehr als 50 Jahre später nicht besser. Er stand schon im 81. Lebensjahr und war etwas langsam und ungeschickt in seinen Bewegungen. Da kam in seiner Nähe der Priester mit dem Venerabile vorbei, also einer geweihten Hostie, die der Greis anscheinend nicht schnell genug grüßte. Der Priester denunzierte den alten Mann, der ins Gefängnis kam. Man machte ihm einen langwierigen Prozeß, dessen Kosten er tragen mußte und vertrieb ihn aus der Grafschaft. Dies im Jahr 1740! Manchmal waren die Spannungen mit den Katholiken auch etwas lustiger, in Hatten etwa, das eine Simultankirche besaß, das heißt, die ehemals evangelische Kirche wurde nach 1686 auch den Katholiken zur Messe zugestanden. Man stellte dort einen gewissen Stundenplan auf, der aber dem Priester nicht gefiel. Während nun der hanauische Pfarrer predigte, kam am Pfingstmontag 1768 der Priester, samt Meßbuben und Gemeindegliedern herein, und fing an, die Messe zu lesen und zu singen. Pfarrer Christian Reinhard Mall, der damals 35 Jahre alt war, ließ sich das nicht gefallen. Er predigte immer lauter, der Priester las auch immer lauter, bis die beiden sich während langen Minuten, sicher nicht zur Ehre Gottes, zu überschreien versuchten. Der konfessionelle Krieg war entbrannt, und dauerte lange an, besonders nachdem der schuldige Priester, der den Zeitplan nicht eingehalten hatte, versetzt wurde. Die fünf Gebrüder Mall, alle hanauische Pfarrer und bekannte Pietisten, hatten den Ruf, besonders lange zu predigen, auch der Bruder des vorigen, Johann Friedrich Mall, in Tränheim amtierend. Sein Nachfolger Dürrbach fand eine gegen Mall empörte und erleichterte Gemeinde vor. Ich fand seinen Eintrag: "Mein Vorgänger war ein Pietist und strenger Orthodox, der die Kinder bei der Confirmation schwören machte, nie tanzen zu wollen (wollen!). Auch predigte er meistens zwei Stunden lang. Um sich auf solch eine Strapaze vorzubereiten, stärkte sich eine christliche Gemeine meistens vorher im Schnapshause." Der Pietismus, die Stündler, die meist alle in Jena studiert hatten, hatten ihre große Zeit kurz vor der Mitte des 18. Jahrhunderts, bevor man die Führer der "Mucker" auswies. Einer von ihnen, Franz Christian Kampmann, der 1747 nach Schlesien auswanderte, hinterließ einige Registereinträge, die charakteristisch für jenen Frömmigkeitsstil waren. Seine verstorbenen Kinder befahl er "dem Seitenhöhlchen des gekreuzigten Heilandes", seine Frau war die geliebteste Eheschwester, und seine Kinder, deren Alter er nie wußte und auch immer falsch eintrug, taufte er "unter einem fühlbaren Segen in den Tod des Lammes". Sein Bruder im Herrn, Georg Jacob Engelbach, sprach die gleiche Sprache. In einem Brief an Brüder in der Wetterau schrieb er: "Blut, Wunden und Gemeine sind der Gegenstand meiner meditationes ... Einen Kuß auf seine Nägelnarben hat er mir aus freier Gnade erlaubet ..." Ein andermal berichtet er von seinen Bekehrungserfolgen in Weißenburg: "Es rückt der Sündenfreund ein verlornes Kind nach dem andern aus dem Schmutz. 0 Jesu, mach treuen, mach recht mit Blut besprengten Arbeitern Bahn in die große Ernte. Gedenket an uns vor dem Lamm... Dein armer Engelbach." Andere versuchten jene Ungläubigen zu bekehren, die das Unglück hatten, Calvinisten zu sein. Johann Georg Wegelin, hatte zwar "Pystole auf der Brust erlebt, Hände im Sack (also Plünderung), Feuer und Wasser im Hause", hatte selbst die Pest überlebt, aber in einem war er nicht klug geworden: Calvinisten waren Ungläubige. In Neuweiler versuchte er einen von ihnen, David Gosing, auf dem Sterbebett zu bekehren. Als es nicht gelang, ließ er ihn begraben, ohne Gesang und Predigt, doch bei Läuten der Bürgerglocke! Immerhin. Ganze Männer waren das. So ganz waren sie auch in ihrer Treue zu den Fürsten, deren Lieblingskinder sie doch waren. Sie und niemand anders hielten doch das ganze zerstreute Konglomerat der Grafschaft zusammen. Johann Venator, der 14 Jahre Pfarrer von Kork war, ohne je dort zu wohnen (das tat er erst nachher, nach 1795), war Feldprobst und Konsistorialrat des Fürsten in Pirmasens, der ihn weidlich schikanierte. Eines Nachts wurde er vom Fürsten höchst gnädig geweckt. Der hohe Herr wollte wissen, ob der Hohepriester, wenn er ins Allerheiligste des Tempels einging, den Kopf bedeckt hatte oder nicht. Die Treue zu den Fürsten hielt auch über die Revolution hinaus. Als Georg Friedrich Höffel, ein Ahne des derzeitigen elsässischen Kirchenpräsidenten, und hanauischer Pfarrer in Geudertheim, vor einem revolutionären Komitee und vor viel versammeltem Volk aussagen mußte, fragte man ihn auch nach seinem Beruf. Höffel nahm Haltung an, immerhin ein Jahr nach der Erstürmung der Bastille und umgeben von Sansculotten und Jacobinern, und sagte mit fester Stimme: "Ich bin ein hochfürstlich hessen-hanau-lichtenbergischer Pfarrer." Wahrscheinlich waren seine Gemeindeglieder patriotischer als er, denn sie stimmten ein Hohngelächter an. Sein Wolfisheimer Kollege Johann Heinrich Heiler ließ noch am 6. April 1790 für den verstorbenen Landgrafen Ludwig IX. einen Trauergottesdienst halten und während der ganzen Feier die Glocken läuten. Ein Kapitel, das nie ohne Schwierigkeiten ablief, war das der Kompetenz, also der Entlöhnung. Dazu gehörte der große und der kleine Zehnt, der meist dem Pfarrer zu zahlen war und oft unterlaufen wurde. Bestand der Pfarrer darauf, war er ein Geizkragen und Halsabschneider. Bestand er nicht darauf, wurde er betrogen, und zwar nicht ohne Schlauheit. Den Blutzehnten unterlief man, indem man schwarz schlachtete (damals schon!). Den Getreidezehnten konnte man sich auch sparen: Man hielt das Feld so klein, daß "es lediglich neun Garben gab, - dicke und schwere, aber nur eben neun. Das Gesetz besagte, daß in solch einem Fall der Zehnte wegfiel. "Bei meiner großen Familie", schreibt Johann Jacob Goetz 1740, "dem Uberlaufs der vielen Bettler, und das meine Fruchtbesoldung meistens in Korn besteht, welches, wenn man ein gutes Stücklein Brot essen will, zum Teil in Weizen muß verwandelt werden, da man an jedem Viertel ein Sester Verlust hat, mein Sohn mir auch jährlich sechs Viertel für Kostgeld hinweg nimmt, will diesselbe nicht mehr zulangen." Die Bitte um Vorauszahlung wurde abgeschlagen. Mit der Weinzuteilung aus Bischholz, einem schlimmen Essig, war er auch unzufrieden. Weil er annahm, daß die hohen Herren des Konsistoriums solch einen Zwicker noch nie hatten trinken müssen, schickte er ihnen ein "Versucherle", und schlug vor, seinen Bischholzer Wein mit den guten Konsistorialweinen zu vermengen "und alsdann mit ihm zu teilen." Der Rat Bornagius verwehrte dieses Ansinnen mit dem Vermerk: "Der Wein aus Bischholz, den Götz bekam, sei genau so, wie ihn der liebe Gott habe wachsen lassen ..." Was verdiente ein Pfarrer? Das ist bei dem heutigen Lohnsystem schneller ersichtlich als damals, wo die Competenz meist aus 10-12 Posten bestand. Die Entlohnung entsprach eindeutig grosso modo der Einkunft eines Handwerkers, deshalb heirateten viele Theologen auch Töchter von Handwerkern. Die Braut brachte die Mitgift und er die Morgengabe mit in die Ehe, und beide mußten gleich sein, fast auf den Gulden. Ich habe ausgerechnet, daß hier in den beiden ämtern die Pfarrer im Durchschnitt 90 Gulden pro Jahr bekamen, und dies um 1700 herum. Was war das wert? Man konnte damit dem Sohn vier Monate Studienaufenthalt in der Stadt bezahlen. Wollte man Kühe kaufen, dann reichte das Bargeld für 2 1/2 gute Kühe, oder drei weniger gute. Man konnte einen knappen Hektar Wiesen kaufen oder 35 Ar Reben. Dann gab es Getreide: Ich habe den Durchschnitt für alle hanauischen Pfarreien ausgerechnet: 12 Viertel Weizen, das sind 1400 Liter, 20 Viertel Korn (2300 Liter), 3 1/2 Viertel Gerste und 5 Viertel Hafer. Das Getreide konnte nicht oder selten verkauft werden, denn damit bezahlte man die Dienstboten oder die Studienaufenthalte der Kinder. Zudem gab es Wein, je nach der Lage, festes Holz und Holzwellen, die Nutzung von Matten und Gärten, auch des Friedhofs, der ja früher, wie heute noch in Skandinavien, als Wiese angelegt war, es gab Heu und Stroh, das Eckerrecht für die Schweine, Flachs und Hanf, großen und kleinen Zehnt, den Blutzehnt von Füllen, Kälbern, Lämmern, Gänsen, Ferkeln und Enten. "Für ein Füllen gibt man 2 Pfennige, von einem Kalb 1 Pfennig, das andere wird in natura geliefert (weil das etwa für eine Gans weniger als 1 Pfennig wäre)." Zudem gab es oft den Opferpfennig, 4 Pfennige pro opferbare Person, also höchstens 5 Gulden insgesamt. In der Landwirtschaft waren die Herren Pfarrer, muß man schon sagen, richtige Bahnbrecher. Vor der Ankunft des Oberhofener Pfarrers Philipp Reinhard Ehrenpfort kannte man in der Rheinebene keinen Hopfen. Ab 1770 experimentierte er mit Hopfen, ließ dann später durch seinen Sohn 800 Jungpflanzen aus Böhmen einführen, die den Stamm der Hopfenkultur in unserer Gegend abgaben. Auch den roten Klee und die Luzerne verdankt das hanauische Land einem Pfarrer, Christian Philipp Schröder, Pfarrer in Schillersdorf und selbst ein verdienter Agronom. Er brachte den Samen aus dem Hunsrück mit, der bestens gedieh. Später brachte der Hördter Pfarrer Heyler die Spargel ins Land. Brach liegende Hügel wurden auf Anraten der Pfarrer, wie Schallers in Pfaffenhofen, mit Reben bepflanzt, ein Hang, der heute noch Schallerberg heißt. Schaller sollte aber seinen Rat bald bereuen, als die roten Nasen und Leberzirrhosen darauf in seiner Gemeinde auffallend zunahmen. Schließlich wetterte er von der Kanzel und stellte sich als Vorbild hin: Seine Gemeindeglieder mögen es halten wie er, und am Tag sich mit vier Maß begnügen, was etwas mehr als vier Liter ausmachte. Daraus ist zu ersehen, daß der Wein damals nicht stark war, oder der Flüssigkeitsbedarf einer arbeitenden Bevölkerung größer als heute... Was so ein bauernder Pfarrer oder ein pastorisierender Bauer alles an lebendigen oder toten Objekten bei seinem Umzug transportierte, kann man an jenem Sander Pfarrer sehen, der den bezeichnenden Namen Weydknecht trug. Er kam 1733 mit "13 Fuhren an, darunter 8 mit Heu und Ohmt, 4 Fuhren Hausrat, das Ganze gezogen von 41 Pferden und Ochsen, 26 Ohm Wein, 3 Kühen, 6 Schweinen, 5 Gänsen, Hühnern, Hanf, Garn, gebleichtes Tuch" und anderes. Am Straßburger Zoll waren 10 1/2 Gulden zu entrichten, für die Fahrt, die - von Offweiler kommend - drei Nächte und zwei Tage dauerte. Seines Aufenthaltes in Sand ward bald ein Ende gesetzt, als er, in unpastoraler Weise, zusammen mit seiner nicht besonders gut beleumundeten Magd, die Güte des gebleichten Tuches ausprobierte ... Der nicht begradigte und nicht gebaggerte Rhein war im Winter für die Menschen damaliger Zeit ein gefährlicher Genosse, hatte er doch die üble Gewohnheit, mehr über die Ufer zu treten als erträglich. So auch im Januar 1651, wo der Offendorfer und spätere Bodersweierer Pfarrer Quirinus Moscherosch, der Bruder des Dichters Philander von Sittewald, zum Gottesdienst in die Bürgerstube ausweichen mußte: In höchsten Nöten sitzen wir / das Wasser läuft uns vor die Tür./ Auch gar in meine Stub herein. Wir wissen. nicht wo aus, wo ein. Ach Gott, mit Deiner Hilf erschein. Pfarrer waren und sind Menschen wie alle anderen, und so konnten Konflikte nicht ausbleiben: Konflikte mit der Obrigkeit wegen schlecht geführter Register, Konflikte mit der Jugend, Konflikte natürlich auch wegen der Kassen, dies letztere aber in drei Jahrhunderten nur zwei Mal. Meist sind ja die Register wunderbar gehalten, in allen Nöten gerettet und mit gepflegter Schrift ausgefüllt. Als Nicolaus Lange mitten im Dreißigjährigen Krieg nach Wörth kam, mußte er die Register von Wörth zum Teil neu schreiben, weil sein Vorgänger "seine Buben so schändlich hat hinsudeln lassen." Das war antiautoritäre Erziehung vor der Zeit: 1625. Der Lichtenberger Pfarrer bekam Konflikte mit der dortigen Jugend, die sich anscheinend etwas daneben benahm. Aber nicht 1987, sondern 1668. In die Kinderlehre mußten ja damals alle Unverheirateten, und da war mancher mit üppigem Schnauzbart drin. Die "Jungen" benahmen sich in der Kinderstunde so, daß Georg Heuse sie züchtigte und "leichtfertige Vögel und Schelme" nannte. Er wurde versetzt. Johann Nicolaus Körner identifizierte sich sehr stark mit der Kirche, derart, daß er kirchliche Kassen auch als die seinigen ansah. Nachdem er Ernolsheim ohne Abschied und Predigt verlassen hatte, war die Almosenkasse leer. In Bodersweier, wo er von 1707 bis 1715 wirkte, hatte er sich noch nicht gebessert. Er mußte 15 Gulden in die Lichtenauer Almosenkasse zahlen, weil er die Unterschrift des Statthalters nachgemacht hatte. Von den hunderten von hanauischen Pfarrersehen, die rechte Vorbilder für die Pfarrkinder waren, und die einen eigenen Vortrag verdienten, kann ich hier nicht reden. Nur dies: Die romantische Welle der "Liiiiiiebe" hatte noch nicht in die Familien und Fakultäten geschwappt, und es ist erstaunlich, wie ernsthaft die jungen Menschen vor zwei, drei und vier Jahrhunderten die Frage der Ehe angingen. Ich habe in den Straßburger Departemental-Archiven hunderte, vielleicht tausende von Eheverträgen gelesen, zum Teil auch geöffnet. Dazu ist lediglich zu sagen: Ein Hausherr und eine Hausfrau gründeten einen Hausstand. Werthers Emotionen und Kurzschlüsse waren späteren Generationen vorbehalten. Bemerkenswert war auch die Verlobung, die damals keine private, sondern eine öffentliche Sache war. In diesem delikaten Punkt ist etwas ungünstig aufgefallen der Pfarrer Johann Heinrich Winzheimer: Obwohl er 1663 bereits mit seiner späteren Ehefrau, Maria Salome Geringer, verlobt war, verlobte er sich im gleichen Jahr auch noch mit der Pfarrerstochter Maria Regina Grapp, einer sehr betuchten jungen Dame, denn ihr Papa war, trotz theologischer Studien, Verwalter und Schaffner des Buchsweiler Spitals, also so etwas wie der Finanzminister der Grafschaft. Der Vater der zweiten Glücklichen hielt nicht viel von diesem "Doppelt-gemoppelt", und verlangte den Verlobungsring plus 40 Gulden Entschädigung zurück. Der kirchliche Finanzmann erhielt beides. Johann Jacob König saß im armen hanauischen Allenweiler und ließ seinen Frust an der Ehehälfte aus: Er wurde angeklagt, daß er "sein Eheweib übel halte, schlage und mit den Haaren schleife, andern Weibern nachgehe..." Er wurde vor das Konsistorium zitiert: "Er soll der nüchter- und mässigkeit sich befleissen." Das tat er aber nicht und wurde 1668 entlassen, allerdings andern Jahrs wieder anderswo in der gleichen Grafschaft aufgenommen. Bei meinen Recherchen ist es immer wieder aufgefallen, wie jung die Frauen starben, meist in dem sogenannten "Kindbett". Genau ein Viertel der Pfarrer mußten sich ein zweites Mal verheiraten, 17 sogar ein drittes Mal und vier ein viertes Mal. Pfarrer Johann Paul Luck von Ingweiler, später Hanau, heiratete drei Mal und hatte 21 Kinder. Er war so bekannt, daß ihm die Franzosen in den 80er Jahren des 17. Jahrhunderts die Stelle des Amtmanns anboten, falls er sich mit all seinen Kindern zum Katholizismus bekehre. Er zog vor, sich über den Rhein zu exilieren, wo er mit seiner Kinderschar einige Monate in Rheinbischofsheim aufgenommen wurde. Bewegend ist das Ende des Bodersweierer Pfarrer-Ehepaares Nicolaus Riger. Frau Riger wurde 1707 schwer krank und wurde bei ihrer Schwester in Straßburg, die einen Arzt zum Mann hatte, gepflegt. Als sie ihren Tod herannahen spürte, verlangte sie nach ihrem Mann. Dieser, keine 49 Jahre alt, war selbst todkrank. Er machte sich als Sterbender auf den Weg und starb in Straßburg zwei Tage noch vor seiner Frau. Von den vielen Kindern - im hanauischen Pfarrhaus durchschnittlich deren 8,5 - ist meist wenig Weltbewegendes zu berichten. Die Mädchen warteten zu Hause, bis ein Vikar oder ein Handwerker sie heiratete, die Söhne studierten. Der recht pietistische Vater Philipp Heinrich Kocher, bei dem die Herrnhuter ein- und ausgingen, war stolz auf seinen Sohn Philipp Ludwig und auf dessen "doctor cerevisae“, den er in Jena machte, bis er erfuhr, daß man diesen Titel erhielt, wenn man fähig war, 44 Glas Bier an einem Abend in der Studentenkneipe zu schaffen. Von mehr Niveau war die Karriere des Freistetter Pfarrsohns Carl Ludwig Schulmeister, den man den "Meisterspion Napoleons" genannt hat. Seine Lebensdaten sind: 1770 - 1853. Dank seiner Spionierung konnten 1805 in Ulm 30 000 Mann zur Kapitulation gezwungen werden. Darauf ging seine Karriere steil in die Höhe: Zuerst wurde er Generalkommissar in Wien, ab 1806 Direktor der Geheimpolizei Napoleons. Wie er die gesamte Festung Wismar mit 15 Reitern eroberte, dem Feind 18 Schiffe mit 25 Husaren kaperte, füllt Bücher. Vor Straßburg, in der Meinau, wurde er später Besitzer einer großen Domäne, eben des "Schulmeistergutes". Daß auch ein Pfarrer Probleme mit dem Alkohol haben konnte, zeigt das Beispiel von Johann Wendelin Ziller. Um ihn zu strafen, beließ man ihn sehr lange auf dem Diakonat von Westhofen, wo seine Entlohnung jedoch hauptsächtlich in Wein bestand, nämlich 2 Fuder und 18 Ohm, also rund 3000 Liter, das heißt, 8,2 Liter pro Tag. Diese Lieferung frei Haus war praktisch für Ziller, aber nicht besonders therapeutisch. Na ja, Pfarrer, die gerne tanzten gab's auch, einer wurde sogar einmal bei der Kirchweih eines katholischen Dorfes gesehen, summa brave Leut', gediegene Familienväter und Seelsorger, die sich verzehrten in ihrem Beruf, meist bis zum Tod, denn Pensionierung gab's ja nur bei schwerster Krankheit. Pfarrer, die wie Samuel Hoppensack, trotz eigener Krankheit, am frühen Nachmittag noch einer Beerdigung vorstehen, und abends selbst sterben, passen durchaus ins Bild. Apropos Beerdigungen: Was einige dieser Menschen mitmachten, ist für heutige Begriffe unvorstellbar. Johann Valentin Hartmann war genau zwei Jahre Pfarrer in Westhofen, vom Mai 1634 bis zu seinem Tod im Mai 1636. In diesen 24 Monaten zählte ich 643 Beerdigungen, die er hielt. Zum Schluß möchte ich gerne denen, die pauschal glauben, daß früher alles gut und schön und lieb und gehorsam war, einige Stücke aus der Kurzbiographie von zwei Pfarrern anführen, die im Buchsweiler Gymnasium unterrichteten. Johann Adam Dreyspring war 40 Jahre dort Religionslehrer im 18.Jahrhundert. Ein Schüler, der später selbst hanauischer Theologe wurde, schrieb von ihm: "Er war als Lehrer sehr parteiisch, denn er liebte gute Bissen und das Schoppenglas und Geschenke gar sehr... übrigens ein Pedant von erstem Range. Jedoch lernten seine Schüler - mit Hilfe tagtäglicher Pritscher und Handschmisse - brav deklinieren und konjugieren. Am Ende seines Lebens brüstete er sich, die meisten Mitglieder der Regierung, der Fiskalkammer und der Ministerien ausgepeitscht zu haben." Bei seinem Kollegen und Zeitgenossen Erhard Stephan ging es noch bunter zu: "Er ist ein Narr und wird es bleiben in saecula saeculorum. Amen. Man polterte, sang, pfiff und schrie... man schnitt ihm die Knöpfe vom Rocke, spie ihm den Rücken voll, zog ihm das Hemd zu den Hosen heraus. Er war in den Klassen die blinde Bateille. Er mußte ein Katzenleben haben, um dieses zu überleben." Gute alte Zeit, ja. Ich will schließen mit einem Text, den ich den bisher veröffentlichten Pfarrbüchlein von Auenheim, Sand und Leutesheim vorangestellt habe: Den hanauischen Pfarrer par excellence gab es nicht in Reinkultur. Hätte man ihn zu erfinden, so wäre er selbst hanauischer oder zumindest elsässischer Herkunft gewesen, wäre mit größter Wahrscheinlichkeit dem pastoralen oder handwerklichen Milieu entstammt, wäre ehemals Schüler der Buchsweiler oder Straßburger Gymnasien gewesen, wäre ausgebildeter gewesen in alten Sprachen als in der eigentlichen Bibelauslegung, hätte seine praktische Theologie eher im Dorf als vom Katheder gelernt, wäre erpicht gewesen, bei seiner Verheiratung die größtmögliche Gleichheit (Eheparität) zu wahren, wäre fruchtbar gewesen und hätte sich bibelgehorsam vermehrt, hätte wenig von Familienplanung gehalten und von freier Erziehung, dafür aber mehr von Gottesfurcht und spartanischer Lebensart. Er hätte in den engen Grenzen gelebt, die ihm ein klerikalisierter Staat und eine verstaatlichte Kirche zu ziehen geruhten, er hätte gern sein intellektuelles Licht und seine prophetischen Eingebungen zurückgestellt, wenn er nur bei Graf und Kirchenregierung sich die Gunst und nur ja keine Schwierigkeiten einhandelte. Denn die einzige Ambition seines Lebens war stets nur eine Hoffnung: dereinst beim Jüngsten Gericht durch den Erlöser erkannt und angenommen zu werden als einer von denen, die Gott - nach Epheser 4 - eingesetzt hatte, die einen als Apostel, die anderen als Propheten, andere als Evangelisten, als Pfarrer und als Doktoren.
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