Himmelfahrt 2007 Predigt Hausgereut
Liebe Schwestern und Brüder,

in der Schule habe ich Kinder der 3. / 4. Klasse gefragt: Was wisst Ihr denn von Christi Himmelfahrt?
Einige Kinder schauten mich mit recht großen und offenen Augen an: Christi Himmelfahrt?
Einige machten gleich ein paar Notizen auf das Papier, das ich zur Frage austeilen ließ. Sie fragten gleich, leistungsorientiert, wie schon die Kleinen sind:
Ist das ein Test?

Ein Schüler schreibt:
Die Auferstehung von Jesus. Ich finde Christi Himmelfahrt gut, schön. Die drei Frauen am Grab und der Engel. Der Leichnam von Jesus ist weg. Die Frauen erzählen den Jüngern von Jesus, was sie erlebt haben, aber die Jünger glauben es ihnen nicht.
Dieser Schüler ist bei seinen Gedanken noch ganz beim Auferstehungsgeschehen. Für ihn ist sehr eindrücklich, daß die Jünger Jesu nicht glauben können, was die ersten Zeugen seiner Auferstehung erzählen.

Eine Schülerin schreibt:
Christi Himmelfahrt ist für mich: Gott und eine Fahrt in den Himmel. Ich denke gerade an meinen Bruder wie er zuhause spielt und meine Mutter wäscht und mein Vater guckt Fernseher. Wann ist Vatertag?
Bei dieser Schülerin kommen, wenn sie selbständig denken darf, sofort Gedanken an ihre Familie, an Mutter, Vater und Bruder. Sie ist noch ganz im elterlichen Bereich. Ihre Eltern sind ihr das Wichtigste im Leben und so taucht neben Gedanken über Gott und die Himmelfahrt gleich die Frage auf, was der Rest der Familie jetzt gerade zuhause tut. Weil Papa am Vatertag wohl besonders aktiv wird, fragt die Schülerin nach, wann denn dieser Tag sei; vielleicht weiß sie um einen Zusammenhang dieser beiden Tage.

Eine andere Schülerin schreibt mit einem Satz: Wir feiern Vatertag bei Christi Himmelfahrt.

Ja - so die Antworten dreier Schüler aus der Grundschule; andere Antworten waren ziemlich ähnlich.
Was aber würden wir denn als Erwachsene und als nachdenkende Menschen - antworten auf die Frage nach Christi Himmelfahrt?
Hören wir, um antworten zu können, auf das, was Lukas uns am Anfang seiner Apostelgeschichte von diesem Ereignis berichtet:
Apg 1:
4 Als Jesus wieder einmal bei ihnen war und mit ihnen aß, schärfte er ihnen ein: »Bleibt in Jerusalem und wartet auf den Geist, den mein Vater versprochen hat. Ich habe euch sein Kommen angekündigt, als ich euch sagte: 5 'Johannes hat mit Wasser getauft, aber ihr werdet schon bald mit dem Geist Gottes getauft werden.'« 6 Die Versammelten fragten Jesus: »Herr, wirst du dann die Herrschaft Gottes in Israel wieder aufrichten?« 7 Jesus antwortete: »Mein Vater hat festgelegt, welche Zeiten bis dahin noch verstreichen müssen und wann es so weit ist. Ihr braucht das nicht zu wissen. 8 Aber ihr werdet mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, und dieser Geist wird euch die Kraft geben, überall als meine Zeugen aufzutreten: in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis ans äußerste Ende der Erde.« 9 Während er das sagte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben. Eine Wolke nahm ihn auf, so dass sie ihn nicht mehr sehen konnten. 10 Als sie noch wie gebannt nach oben starrten und hinter ihm hersahen, standen plötzlich zwei weiß gekleidete Männer neben ihnen. 11 »Ihr Galiläer«, sagten sie, »warum steht ihr hier und schaut nach oben? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt weggehen sehen!

Im Gespräch mit seinen Freunden entschwindet Jesus vor ihren Augen und erst zwei plötzlich auftauchende Männer können ihnen erklären, was vor ihren Augen geschehen ist. Erst diese; der Angelus interpres - der Deuteengel - läßt sie verstehen, was geschieht so wie oft erst ein Therapeut seinem Klienten verstehbar machen kann, was sich in seiner Seele ausdrückt.
Mit dieser Entrückung nach oben vervollständigt sich eine Lebensgeschichte, die Jesus zunächst ans Kreuz geführt hat. Am Kreuz endet, scheitert für alle sichtbar sein Leben. Seine Freunde verlieren sich in alle Welt. Dann, so erzählen einige Berichte, sei Jesus hinabgestiegen in das Reich der Toten, in die Unterwelt, den Hades, die sogenannte Höllenfahrt Christi, bei der er in der Tiefe sein Erlösungswerk beginnen konnte und schließlich, nachdem er sich seinen Jüngern als der Lebende offenbart hat dieser Aufstieg in den Himmel; alles erzählt in der wunderbaren Stimmigkeit eines Mythos, den wir bis vor kurzem noch alle kannten und der unser Leben bestimmt hat. Daß wir nur noch Christi Himmelfahrt kennen, aber die sogenannte Höllenfahrt Christi aus unserem Bewußtsein gestrichen haben, passt in unsere rationale Welt, in welcher wir unseren Kopf, Intelligenz, Erfolg, Sieg, Reichtum kurzum: das Obere - so besonders wertschätzen und betonen.
Von der Hölle, der Unterwelt, den Dunkelkammern des Unbewussten, der Tiefe hören wir in unserer Zeit lieber nichts; wir tun das als nur mythologisch ab und verdrängen doch genau dies in unserem Leben wie in unserer Gesellschaft, nämlich den Bauch, das Untere, den Tod, das Inferiore, die Tiefe, das Dunkle in uns selbst, die Höllen, die wir durch Bombenabwürfe produzieren und sei die Bombe noch so intelligent. Die Hölle, die wir verdrängen, taucht gerade darum allerorten mit so gigantischer Gewalt auf und entlädt sich...

Himmelfahrt verstehen wir nur, wenn wir einen Begriff der Höllenfahrt haben. Wer wissen will, was die Anabasis ist, Himmelfahrt, muß etwas von der Katabasis wissen, von der Nachtmeerfahrt hinab in die Tiefe, von jenem Prozess, der uns hinabsteigen lässt in den Keller des eigenen Hauses. Himmelfahrt - das ist, was wir uns alle wünschen: Emporklettern auf der Karriereleiter, mehr Anerkennung, mehr Verdienst, auf der Siegerseite sein, und dies genauso auf dem spirituellen Weg: emporsteigen zu mehr Selbstverwirklichung, zu immer größerem Gottvertrauen, zu immer stärkerer Liebe, Erleuchtung, Harmonie. Erleuchtung garantiert. Und genau dies macht uns krank und andere auch. Es ist eine Einseitigkeit, die uns seelisch verkrüppelt, weil sie die Dunkelseite des Lebens ausschließt. Die christliche Botschaft vom Kreuz, die so vieles auf den Kopf stellt, macht gerade an dieser Stelle deutlich, daß wir unser Leben finden, wenn wir es verlieren, daß wir als Sünder Gnade finden, gerade so wie Christian Klar hätte unverdientermaßen Gnade finden können, daß wir durch Hinabsteigen hinaufsteigen. Ganz so, wie es im Epheserbrief von Jesu Himmelfahrt heißt:
"Daß er aber aufgefahren ist, was heißt das anderes, als daß er auch hinabgefahren ist in die Tiefen der Erde (4,9)?"

Christus ist der, der durch den Tod reist, der durch Höll und Sünde steigt, bevor er zum Himmel fährt. Und wo immer wir den Weg von Jesus gehen, gilt das auch für uns: Indem wir hinabsteigen in den eigenen Dreck, in den Staub unserer Angst, in die Hölle unserer Leere, in den Schrecken in uns selbst, in die Dunkelheit unserer Depression, steigen wir auf. Himmelfahrt, so wie wir Christen das verstehen, hat nichts mit Erfolgsstory zu tun, hat also das Gegenteil zu Weltflucht und zur Flucht vor der eigenen Wirklichkeit zur Voraussetzung. Nicht daß wir das selber machen könnten. Das Wichtigste ist, daß wir Sünder werden, aber wir schaffen es nicht aus eigener Kraft, so hat es schon Martin Luther gesagt. Unser Blick braucht manche Korrektur von aussen, so daß wir die Welt um uns und in uns erst richtig wahrnehmen können - so wie die beiden Engel die Jünger zunächst fragen: "Was steht ihr da und seht zum Himmel?"
Hinabsteigen, um dann aufzusteigen, das ist nicht einfach ein Trick, den wir anwenden können. In Sachen Himmelfahrt sind wir keine Meister, sondern nur Gesellen.

Den Lichtschalter dafür haben wir nicht. Aber der Weg verläuft so: hinabsteigen, um aufzusteigen.

Sie merken: Christi Weg in unserer Welt: hinab in die Unterwelt, in die Welt des Leeren, der Kammern des Unbewussten hinauf zur Rechten Gottes ist ein umfassendes Bild; wenn man es zeichnen sollte, würde man wohl am besten einen Kreis malen und man könnte dies dann ein Bild von der Ganzheit des Christus nennen von der Ganzheit des Christus, der Himmel und Erde und alles, was es sonst noch gibt, in seinen Herrschaftsbereich aufnimmt.
Im Bild von der Himmelfahrt Christi geht es um die Ganzheitlichkeit im christlichen Sinne.

Diese Ganzheitlichkeit läßt sich auch mit den Worten der Barmer Theologischen Erklärung aus der Zeit des Kirchenkampfes gegen die Bevormundung der Kirchen durch die Nazis wie folgt ausdrücken:
Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und der Heiligung durch ihn bedürften.Genau darum geht es im dramatischen Bild von der Himmelfahrt unseres Herrn: jetzt kann es keinen Bereich mehr geben, über den er, der Christus, nicht der Herr wäre und, liebe Schwestern, liebe Brüder, glaubt darum denen nicht, die sagen: in unserem Fachbereich, oder hier in der Politik, in der Wirtschaft oder bei uns in der Forschung - da hat Religion nicht mitzureden, es geht hier um Sachzwänge, um ernsthafte Beweise durch die Wissenschaft und so weiter als wäre Jesus Christus nicht auch der Herr darüber!

Sie ahnen vielleicht, nach diesen Ausführungen, welch provozierender Anspruch Christi hier zum Ausdruck kommt, aber auch welche Freiheit uns darin zugesprochen wird, vor den Herren dieser Welt keine Angst zu haben und ihnen nicht ohne Grund gehorchen zu müssen. Wir müssen den Blinden nicht hinterher gehen! Auf die Frage, was denn Himmelfahrt für uns sei lasst uns antworten: Jesus ist der Herr über alle (!) Bereiche dieser Welt. In ihm kommt alles zu gutem Ende, zum Ziel. Durch ihn sind wir. Ihm allein gehorchen wir.

Amen