Rede von Dr. Kurt Maier, anlässlich der Einweihung des Rheinbischofsheimer Mahnmals in Neckarzimmern
Meine Damen und Herren, verehrte Gäste: Es ist immer eine Ehre für mich, wieder hierher zurück zu kommen und vor Ihnen zu reden. Ich bin stolz auf die jungen Menschen, die das, was vor ihrer Zeit geschah, zu verstehen versuchen, Dinge, die wir, die sie erlebt haben, bis heute nicht verstehen. Es ist immer ein Privileg, vor jungen Menschen zu sprechen. Denn Ihr seid die Hoffnung eines neuen Deutschlands. Ihr erkennt an, was manche verstecken mögen. Ihr befasst Euch damit, was viele nicht mehr hören wollen. Ich bewundere Eure Ehrlichkeit. Ich schätze Eure Gastfreundschaft. Auch ich war jung, als ich Deutschland verließ. Und zu so vielen jungen Freunden immer wieder zurück zu kommen, stellt für mich eine Verbindung mit meiner Heimat wieder her. Danke, dass mir erlaubt wird, das zu erleben, was viele andere zu Lebzeiten nicht mehr erleben konnten, zu wissen, dass das Deutschland, das wir liebten, unserer gedenkt. Und, dass Ihr Euch damit befasst, was damals geschah. Und, dass zusammen wir das Heilen lernen können. Jedes Jahr fügen wir weitere Steine zu dem großen Kreise hinzu. Und mit jedem Stein legt eine weitere Stadt Zeugnis ab. Bald wird dieser Kreis sich in andere Regionen ausdehnen. Aber, wir müssen auf der Hut sein. Denn das Symbol des Kreises birgt eine Gefahr. Ein Kreis ist geschlossen, und wir sollten offen sein. Ein Kreis geht nirgends wohin außer zurück zu seinem Ausgangspunkt. Wir dürfen nie! zum Ausgangspunkt dieses Kreises zurückgehen. Lasst uns den Kreis brechen. Der Kreis beginnt, wenn wir andere betrachten, als wären sie anders als wir, und wir grenzen sie aus. Heute wissen wir, dass wir alle miteinander verbunden sind. Wir dürfen unsere Mitmenschen nicht ausgrenzen. Wir dürfen eine andere Rasse, einen anderen Glauben oder eine andere Nationalität nicht verteufeln. Denn, wenn wir dieser Wahrheit den Rücken kehren, stehen wir vor unserem eigenen Untergang. Daher lasst uns diesen Kreis zu dem Anfang eines Weges machen, der uns weit von dem schwarzen Tag damals in Baden weg führt, als einige wegschauten, als ihre Nachbarn abgeholt wurden. Acht und sechzig Jahre sind seit jenem Tag vergangen. Sieben neue Generationen von Deutschen sind geboren worden. Sieben Generationen, die mit dem, was hier geschah, nichts zu tun haben. Und dennoch: Die Geschichte ist voll von vielen "und dennochs". Ihr, die nichts damit zu tun habt mit dem, was damals hier geschah, seid diejenigen, die es auf sich nehmen, daran zu erinnern. Es sind die Unschuldigen, die Sühne leisten. Ihr seht wie wir alle miteinander verbunden sind. Schwarze Tage suchen alle Nationen heim. Börsen stürzen ab. Zwillingstürme fallen. Armeen kapitulieren. Aber schwarze Tage sind nie das Ende. Schwarze Tage kommen, und das Böse geht vorüber. Schwarze Tage führen zum Licht. Und so hat der Schwarze Tag von Baden uns hierher gebracht. Zu einem Kreise von Steinen. Die Steine bedeuten den Tod, und Schwarz die Trauer. Aber wo ich hier in diesem Kreise stehe, denke ich nicht mehr daran. Ich sehe junge Gesichter, die Gesichter junger Deutschen. Ihr, die das mitträgt, was vor Eurer Zeit geschah. Durch Euer Handeln habt Ihr das Licht zurück gebracht. Mögt Ihr immer auf diesem Euren gewählten Weg gehen. Ihr habt aus der Vergangenheit gelernt, dass der Kreis nicht wiederholen darf, was er begonnen hat. Kurt Maier, Washington
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