Ansprache zu den beiden Bildern von Rainer Nepita am 15. Juni 2008 

Liebe Schwestern und liebe Brüder,

wir haben vor uns zwei Bilder des Künstlers Rainer Nepita aus Oberkirch .

Ich war letzte Woche mit verschiedenen Schulklassen hier in der Schule, um diese beiden Bilder zu betrachten. Die Grundschüler durften hinterher einen Brief an den Künstler schreiben, was sie auch sehr gern getan haben. Einige dieser Briefe sind in unserer Homepage zu lesen: Hallo Rainer – das orangene Bild ist toll. Warum ist das auf dem blauen Bild so ein grizelgrazel? Wieviel Stunden hast du dafür gebraucht? Das kostet bestimmt 100 €! Schickst du auch mal so schöne Bilder in die Schule? Mein Opa malt auch. Schreib uns auch mal – welch köstliche Beobachtungen und Beschreibungen kamen da doch zustande!

Die Gymnasiasten hielten sich mit ihren Reaktionen mehr als zurück. Aber hier in der Kirche haben sie sich mit ganz spannenden Beiträgen geäussert – und auf die gehe ich ein, weil, wie ich denke, wir darin etwas von der Botschaft dieser Bilder aus dem Badberg-Zyklus entdecken können.

Ein Schüler meinte: Da fehlt bei den Bildern ja die Unterschrift.

Genau das finde ich so stark. Im Zeitalter der Renaissance war es Albrecht Dürer, der erstmals Bilder mit seinen Initialen unterschrieben hat. Seit Dürer kam dieser Urheber- und Copyright-Gedanke auf, der Bilder zum geistigen Eigentum und zum Ausdruck eigener Originalität oder gar Genialität macht. Zum einen war das die Entdeckung der Individualität, zum anderen aber auch der Zwang dazu.

Jesus hat kein einziges seiner Wunder aufgeschrieben. Was er tat, dafür wollte er weder Ruhm noch Geld. Noch Luther hat für kein einziges seiner zahllosen Bücher irgendwie einen Schriftsteller-Anteil haben wollen. Er wäre damals wohl einer der reichsten Männer seiner Zeit geworden.

Wenn Rainer Nepita unter seine Bilder keinen Namen setzt, gehört er in gewissem Sinn zur Postmoderne der Malerei. Ich denke, für ihn ist das Bild wichtiger als sein Künstler-Ich. Er will sprechen lassen, was da auf dem Bild zum Ausdruck kommen will, ja, möglicherweise will er sch dabei selbst überraschen lassen. Schön, wenn es nicht immer nur um die Bestätigung des eigenen Ich geht. Wer sein Ich verlieren kann, wird es am ehesten z finden in der Lage sein.

Ein Schüler meinte: Den Bildern fehlt der Rahmen. Schon wieder so eine Mangel-Mitteilung: wir lernen eher darauf achten, was irgendwo fehlt, oder falsch ist, als daß wir etwas von dem, was es positiv darstellt, wahrnehmen können. Aber das Fehlen des Rahmens könnte nun selber ach die positive Botschaft sein. Das könnte doch heissen: diese Bilder – sie beginnen dort, wo du dich hineinnehmen lässt – und sie enden nicht hier vor deinen Augen, sondern irgendwo anders – ein bisschen Ewigkeit, ein Ausschnitt nur vor deinen Augen. Wunderbar, wenn man sich so öffnen kann, Rahmen sprengt, oder jedem Betrachter die Aufgabe, Grenzen zu setzen zubilligt. Kein Rahmen – ist eine Aufgabe für den Betrachter, einen Rahmen zu setzen. Das Subjekt des Betrachters wird zum Teil des Kunstwerks selber. Wir sind die, die dieses Bild, die diese Bilder zum Kunstwerk machen – oder auch nicht. Interaktive Kunst, könnte man hier vielleicht auch sagen. So wie Gott uns Menschen braucht, damit die Welt zur Welt und Gott zu Gott wird.

Ein letztes. Ein Schüler entdeckte hier im blauen Bild im unteren viertel die Umrisse eines Mundes. Die kleineren Schüler hatten noch viel mehr entdeckt: Tulpen, Schmetterlinge – so vieles von dem, was sie selber als schöne Innenbilder in sich tragen.

Ich konnte den Schülern mitteilen, daß Rainer Nepita ein Sammler ist. Er geht mit dem Notizblock umher – und sammelt Konturen, Linien, Schattenwürfe, wie man sie an Gräsern, Steinkonturen und an allem möglichen draussen in der Natur findet. Nepita folgt den Linien, Umrissen und Schattenwürfen der Kreatur. Wir reden ja gern von Gottes Schöpfung – und finden vielleicht an Gottes Schöpfung nur schön, was uns gefällt und etwas nützt. Für Nepita ist Gottes Schöpfung so wundervoll und zauberhaft, daß er sogar eine Linie, die irgendwo auf einer Frucht zu erkennen ist, als wertvoll und wahrnehmungswürdig betrachtet. Er beugt sich tief zur Schöpfung herab. Da ist alles gleich wertvoll – aus der Hand des Schöpfers heraus genommen.

Mir hat es einmal Tränen in die Augen getrieben, als ich Rainer Nepita in seinem Garten spazieren gehen sah – mit dem Mikrofon! Er nahm den Wind auf, wie er je unterschiedlich in den Gewächsen seines Gartens zu erlauschen war. Und tatsächlich, wie verschieden die Blätter singen, rascheln, krischelkrascheln im Wind! Ich habe wohl noch nie jemanden erlebt, der die Schöpfung für so spannend gehalten hat wie er. Ehrfurcht vor der Schöpfung geht hier bis ins kleinste und unscheinbarste Detail – es kann hier nichts Unbedeutendes geben. Es kann hier nie langweilig sein! Viel von dieser entdeckenden Lust und Ehrfurcht vor Gottes großer Welt wünsche ich uns allen – als Haltung der Achtung und des Gebets. Ich danke für diese Erkenntnisse meinen größeren und kleineren interpretierenden Schülern und dem Künstler Rainer Nepita!

Amen