Ps 1,3
Er gleicht einem Baum, der am Wasser steht;
Jahr für Jahr trägt er Frucht,
sein Laub bleibt grün und frisch.
Was immer ein solcher Mensch unternimmt,
es gelingt ihm gut.
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Liebe Schwestern und liebe Brüder,
liebe Mitfeiernde,
wenn ich an unsere schönen und nützlichen Mitgeschöpfe, die Bäume denke, dann fällt mir auf, daß sie mich seit der Kindheit wie treue Freunde begleitet haben. Meine Kindheit habe ich auf dem Land verbracht – in der Rheinebene – bei Karlsruhe. Meine Großeltern hatten einen großen Garten. Dort kamen im Garten - vom Haus aus gesehen - zuerst die Blumen, dann jener Teil, wo Kartoffeln und anderes Gemüse angebaut wurde, schließlich das Obst – und schließlich, nach einem Gartentor, in einem eigenen Bezirk sozusagen, der Obstbaumgarten. Dort standen, schön parallel in doppelter Reihe, eine große Anzahl Apfelbäume. Die Arbeit an den Bäumen, die mein Großvater mit großer Ernsthaftigkeit dort verrichtete, machte mir als Kind einigen Eindruck. Ich erlebte diese Bäume in allen Jahreszeiten – vom Aufbruch der Blütenblätter bis zum Verlust der Blätter in der kalten Jahreszeit, wo die Bäume blattlos bald wie Skelette aussehen. In der Erntezeit lernte ich diese Bäume nach dem ganz unterschiedlichen Geschmack der Äpfel kennen und schätzen. Unter all den Bäumen hatte ich einen Lieblingsbaum. Dessen Äpfel waren ein Traum für mich. Ich gab dem Baum sogar einen eigenen Namen und wenn es Apfelschnitzen gab, fragte ich natürlich zuerst nach denen von meinem Lieblingsbaum. Durch diese glückliche Situation bedingt, sind Bäume für mich nie nebensächlich, sondern immer besondere Geschöpfe in Gottes bunter Welt gewesen.
Als Jugendlicher machte ich eine weitere Erfahrung, die mich sehr prägte. Eine ferne Tante in der Familie, eine ältere Dame, die oft in Indien bei Teilen ihrer Familie gelebt hatte und die die Welt gesehen hatte, eine Frau mit tiefem Glauben und persönlicher Weitsicht, war auf Besuch. Sie wollte Karlsruhe, die Stadt, näher kennen lernen – und ich begleitete sie als Stadtführer. Beim Spazierengehen entdeckte sie einen Baum, der ihr sehr gefiel. Es war ein großer Baum mit riesiger Krone und handgroßen Blättern, wohl ein Blauglockenbaum aus China. Und dann geschah, was ich damals als Jugendlicher ober-mega-peinlich fand: sie ging auf den Baum zu, umarmte ihn und sprach begeistert und beglückt mit dem Baum, den sie laut hörbar „Bruder Baum“ nannte. Ich wünschte, ich hätte mich verstecken können, denn schon blieben einige Leute stehen und wunderten sich über die merkwürdig auffallende Frau.
Vielleicht hat diese Begebenheit dann aber doch Wurzeln in mir getrieben. Denn – einige Jahrzehnte später – in einer Zeit, in der es mir sehr schlecht ging und ich nicht mehr ein und aus wusste, wie man so sagt, da erinnerte ich mich der Bäume und ging in den Wald auf langen Spaziergängen, um dort nach einem Bruder Baum zu suchen, der mir Trost spenden könnte und dem ich mein Leid klagen konnte. Ich vermute, ich habe mich vorher umgesehen, ob mich auch niemand sieht, und habe meinen Baum dann ebenso umarmt und bin noch lange Zeit immer wieder zu meinem Bruder Baum gegangen.
Mit dem Wissen um den Gottesdienst zur 100-Jahrfeier des Garten- und Obstbaumvereins in Rheinbischofsheim bin ich schließlich, liebe Schwestern und liebe Brüder, vor einigen Wochen mit meiner Familie in den Urlaub gegangen – auf eine langersehnte und durch einen Gewinn möglich gewordene Reise nach Griechenland mit Flug und Schifffahrt zu der ausgewählten Insel. Mit dem Thema Baum im Herzen war es mir natürlich ein Bedürfnis, mich dort nach den Bäumen umzuschauen. Und dabei fiel mir zweierlei auf.
Zum einen fand ich erschreckend, wie wenig Bäume auf der Insel zu sehen waren. Von ferne sah sie kahl, völlig gerodet und abgebrannt aus. Sie sah aus wie ein Haufen nackter Felsenberge. Als wir uns ein Auto gemietet hatten und die Insel erkundeten, entdeckten wir jedoch einigen Baum-, man kann sogar fast Waldbestand sagen, in einigen verborgen liegenden, in die Landschaft tief eingezogenen schattigen Tälern. Aber insgesamt blieb doch der Eindruck einer äusserlich baumlosen Landschaft bestehen – und wir haben uns gefragt, wo denn nur die wunderbar süß und saftig schmeckenden Pfirsiche und Pflaumen herkommen.
Erstaunlicherweise gab es dann aber Bäume an Orten zu finden, wo man bei uns gar nicht oder kaum damit rechnen würde. Wir fanden riesige, riesige Bäume in Klostervorhöfen und Klosterinnenhöfen. An einem dieser Bäume, der von innen her die Klostermauern überwachsen hatte und wie ein grünes Dach über den heiligen Mauern stand, hatte man sogar die Glocken aufgehängt. Ich habe so was noch nie gesehen. In den Kirchen tauchte an den Wänden als Bild immer wieder das Symbol des Baumes auf. Es war, als wäre die antike Tradition, daß Bäume zu einer Gottheit gehören, der Ölbaum etwa zur Göttin Athene, der Lorbeerbaum zum Gott Apollo oder – in unseren Breitengraten der Holunder zur Göttin Hel, zur Frau Holle – es war, als wäre diese uralte Verbindung zwischen Gottheit und Baum dort niemals unterbrochen worden - und wenn die Bibel mit der Geschichte eines Baumes beginnt – Sie kennen ja die Paradieseserzählung mit dem Baum der Erkenntnis und mit dem Baum des Lebens - dann müssen ja auch in Gotteshäusern und Klöstern Bäume wachsen oder zumindest abgebildet sein, um dieses Paradies wieder etwas zu aktualisieren!
Aber auch in ganz weltlichen Gebäuden, in Restaurants, wuchsen Bäume. Neben dem Gasttisch ragte der Stamm eines Baumes nach oben und trug, als wäre er ein Teil des Gebäudes, die Überdachung mit – auch das ganz in der antiken Tradition, einen Baum, wie den Stammbaum einer Familie, im Haus selber stehen zu haben und wachsen zu lassen. In der Odyssee hören wir zum Beispiel davon, wie Odysseus einen alten Olivenbaum fällte und daraus das eheliche Bett schlug - und dann die weiteren Räume des Hauses um diese Mitte herum baute. Es ist, als würde man immer noch – wie in Urzeiten – in einem Baumhaus leben und alles Leben in großer Nähe und Verbindung zur Lebensader Baum empfangen.
Das hat mich schwer beeindruckt, wie dort in Griechenland Bäume ins Haus, in den inneren Lebensraum des Menschen, sozusagen in die menschliche Innenwelt hinein genommen werden. Hier bei uns in Deutschland haben wir dagegen aus fast allem, aus der Natur und aus den Geschöpfen Gegenstände und ein Gegenüber gemacht. Wir veräusserlichen die Dinge, machen Objekte aus dem, was lebt. Der Baum ist bei uns aussen. Uns gegenüber. Etwa im hinteren Teil des Gartens, dort drüben im Wald, am Horizont, dort hinten in der Gemarkung. Weil wir so weit von ihm entfernt sind, können wir Wald und Baum manchmal so gnadenlos nur nach Hektar und den entsprechenden Maß Ster und nach dem jeweiligen Verkaufspreis und Nutzwert betrachten.
Und doch, manchmal, vielleicht in Notzeiten, entdecken wir etwas davon, daß Bäume unmittelbar mit uns selber zu tun haben, daß sie ein Teil von uns sind und wir ein Teil von ihnen. Plötzlich spricht uns ein Baum in der Landschaft an. Wir werden auf das Rauschen des Windes in einer Baumkrone aufmerksam und meinen eine Botschaft zu hören. Ein einsamer Baum in der Winterlandschaft mag uns vielleicht plötzlich zu erschrecken. Oder jemand erblickt in einem seiner Träume einen Baum, den er auch beim Erwachen noch staunend vor Augen hat. Solche Erfahrungen sollte man wirklich als bedeutsame Zeichen und Hinweise annehmen.
Wenn jemand etwa in seinen Träumen einem Baum begegnet, sollte er oder sie genau darauf achten wie dieser Baum aussieht und wo er sich befindet. Ist er verwurzelt? Wächst er in trockener Landschaft oder versinkt er in schlammigem Untergrund? Ist es ein Obstbaum und trägt er Frucht? Unsere Seele schickt uns manchmal einen solchen Traum – und an dem Baum, den wir in einem unserer Träume sehen, können wir uns selbst erkennen. Unsere Seele schaut uns oft an, als wären wir ein Baum, als ein Wesen im Wachstumsprozess – und sie schaut zugleich auch auf die vier Jahreszeiten unseres Herzens, auf das, was von uns nach aussen wirkt, ob also dieser Baum, ob wir in Blüte oder Frucht stehen, oder ob wir uns zurückziehen müssen in den Schutz vor der Kälte des Winters. Wir haben mehr mit den Bäumen zu tun, von unserem Wesen her, als wir oft wissen und ahnen.
Wenn wir heute 100 Jahre Obst- und Gartenbauverein feiern, liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Mitfeiernde, dann freuen wir uns über 100 Jahre, in denen Menschen hier - über einige Generationen - liebevoll und treu Sorge trugen für unser Mitgeschöpf Baum, für unseren Bruder Baum.
Sicher, das hatte und hat noch zunächst Nützlichkeitsgründe. Das ist ja auch ganz in Ordnung. In der Hinsicht mag sich jedoch viel geändert haben, seither. Heute kann kaum jemand ausschließlich vom eigenen Obstbaumbestand und von der Baumpflege leben. Wie bei so vielem in unserer Gesellschaft, ist heute aus einer Notwendigkeit eine Liebhaberei und eine Gesinnungsfrage geworden. Obwohl sie nicht daran verdienen, kümmern sich dennoch einige Leute um den Erhalt unserer Landschaft und Kultur – wozu bei uns etwa auch die Streuobstwiesen gehören. Alte Tradition wird dabei erhalten. Alte Landschaftsbilder dürfen nicht einfach der Zersiedelung und der Ansiedlung weiterer Großverkaufsflächen weichen. Wo Bäume sterben, stirbt schließlich der Mensch. Darum: Was wären wir alle ohne diesen Dienst an der Kreatur, an den Bäumen, die unsere Landschaft vom Wesenskern her bestimmen und prägen und schön sein lassen?!
Unser ganzer Dank gilt daher dem wert- und landschaftserhaltenden Engagement der Obst- und Gartenbauvereine unserer Regio.
Der Mensch, der der Natur zur Entfaltung hilft, der sie schützt und erhält, hat – theologisch gesprochen - den Titel „Kooperator Dei“, also die Ehrenbezeichnung „Mitschöpfer“ und „Partner Gottes“ verdient.
Wir danken Ihnen vom Obst- und Gartenbauverein, den Kooperateuren des Schöpfers, daß Sie uns allen helfen, unsere schöne Landschaft hier weiterhin geniessen zu können – und beim Anblick blühender Bäume in Wald und Feld auch Gott danken zu können für all das Schöne und Wunderbare, was IHM mit seinen Geschöpfen und Gewächsen in Wald und Feld gelungen ist!
Wir hoffen, daß Ihnen dieses Engagement weiterhin möglich sein und auch zukünftig gelingen wird und Sie diese schöpfungsverantwortliche Aufgabe fortsetzen – selbst wenn sie sich ökonomisch betrachtet wenig rentiert. Manches, was nichts einbringt, ist aber dennoch unendlich wichtig und darum wertvoll – und damit das gesehen wird, wieder erkannt und anerkannt wird, bei Ihrem Tätigsein, darum feiern wir ja auch heute diesen Gottesdienst.
Möge durch einen Gottesdienst wie diesen heutigen – unterstützend hinzu kommen, daß wir alle wieder einen inneren, spirituellen Zugang zu unseren Brüdern, den Bäumen, finden! Mögen wir neu die Botschaft der Bäume erlauschen und jeder Baum uns etwas vom Lebensbaum des Paradieses werden, vom Baum, der zum Leben dient.
So sei es – Amen!
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