Zur Erklärung des Mahnmales aus Rheinbischofsheim am 19.10.2008 in Neckarzimmern

Wir sind aus der jungen Stadt Rheinau, die sich aus neun alten Dörfern zusammensetzt, ca. 20 Kilometer nördlich von Kehl, bzw Straßburg – und von dort aus dem Dorf Rheinbischofsheim. Der Ort gehörte wie viele andere unserer Region des sog. „Hanauerlandes“ zur Grafschaft von Hanau-Lichtenberg, die – eine Kuriosität bis heute – auf beiden Seiten des Rheines bestand und ihren Verwaltungssitz in Bouxwiller, Elsaß hatte. Die Grafen waren sehr liberal eingestellt. Darum öffneten sie sich sehr früh der Reformation und ließen auch Juden sich auf ihrem Gebiet niederlassen.

Im 18. Jahrhundert sind uns einige jüdische Familien als sog. „Schutzjuden“ bekannt. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung stieg ständig an und hatte seinen Höhepunkt kurz nach dem Krieg von 1870, als man einen nahezu 10 % igen jüdischen Bevölkerungsanteil, aber keine Katholiken im Ort, hatte.

Das gemeinsame Leben gestaltete sich recht gut und friedlich. Symbolisch dafür steht vielleicht die Glockeneinweihung in Rheinbischofsheim Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Als die Glocken mit einem Festzug in den Ort gebracht wurden, zog diesem – zur allgemeinen Freude - der Judenrat voraus.

Die Vorgänge des Dritten Reiches berührten auch unseren Ort. Die kleine Synagoge des Ortes wurde in der sog. „Reichskristallnacht“ zerstört, wobei sich manche bereicherten und die religiösen Gegenstände entweihten; entzündet wurde sie wegen Brandgefahr für die anderen nahe stehenden Häuser nicht. Vor der Deportation konnten viele der ansässigen Juden auswandern. 7 Juden wurden aber am 22. Oktober 1940 in entehrender Weise um den Lindenplatz getrieben und dann mit LKW zum Bahntransport nach Gurs gebracht. Niemand von ihnen kam zurück.

Vor ca. 10 Jahren wollte meine Vorgängerin im Amt, Pfarrerin Ulla Eichhorn, am Otr der ehemaligen Synagoge, die in den 50er Jahren wegen Baufälligkeit (?) abgerissen worden war, eine Gedenktafel anbringen lassen. Das Projekt scheiterte; es gab wohl zu viel Widerstand dagegen, die Beteiligten sahen sich damals, auch wegen anderer Aufgaben, schließlich als überfordert an. Dennoch war das damals eine Initialzündung, die uns heute den Weg geebnet hat; die Anstrengung von damals hat gut weiter gewirkt. So muss ein Scheitern nicht endgültig bleiben; eine mutmachende Erfahrung!

Bei den erneuten Planungen für eine Gedenktafel auf dem Gebiet der ehemaligen Synagoge, das auf unserem Kindergartengelände liegt, kamen wir in Kontakt mit Renate Kreplin aus Lahr, die uns mit Dr. Kurt Maier bekannt machte und mit dem Ökumenischen Mahnmalprojekt, für das sie uns gewinnen konnte.

Zur Durchführung entschlossen wir uns, gemeinsame Sache mit Schülern des Anne-Frank-Gymnasiums (8.te Klasse) und derzeitigen Konfirmanden zu machen. Vom Gymnasium kamen uns die beiden Lehrer Christine Seiler und Daniel Sauer entgegen. Die Idee war ein Mahnmal mit Kieselsteinen zu füllen. In unserer Region am Rhein gibt es viele Kieselsteine und Kieswerke. Die Steine bringen so etwas mit aus der Heimat unserer vernichteten und vertriebenen Juden. Steine werden aber auch auf jüdischen Grabmälern hinterlassen. Sie stehen für den Gruß von Besuchenden und damit für eine noch lebendige Beziehung. Als wir mit den Konfirmanden das jüdische Museum in Bouxwiller besucht haben, erfuhren wir dort, daß ursprünglich Grasbüschel auf den besuchten Gräbern hinterlassen wurden; das Gras habe sich dann nach einiger Zeit etwas aufgerichtet und wäre damit symbolisch für Auferstehung gestanden. Man habe die Grasbüschel mit Steinen beschwert, damit diese nicht verweht werden; zuletzt habe man nur noch die Steine abgelegt – mit derselben Bedeutung.

Die Kieselsteine sind für uns nicht nur Zeichen für aufrechterhalten(d)e Beziehung und Auferstehungshoffnung, sondern auch Zeichen der Gewaltanwendung, wie sie tatsächlich mit Steinwürfen und anderen Verletzungen geschah. Das Glas, in dem die Kieselsteine aufbewahrt werden, ist zwar dickes Glas, Sicherheitsglas, aber letztlich doch auch zerbrechlich. So ist es mit der Erinnerung. Auch Erinnerung kann verblassen oder zerbrechen. Man muss sich besonders darum kümmern, wenn das erhalten bleiben soll.

Wenn wir in Rheinbischofsheim den zweiten hier dazugehörenden Stein aufstellen, so wollen wir uns gern an die Auferstehungshoffnung halten. Wir hoffen, daß wir das gute Leben miteinander, wie es einst der Fall war, wiederherstellen können. Sicher werden wir kaum jüdische Mitbürger unter uns haben, aber da sind andere, die uns zunächst als Fremde erscheinen könnten. Ich denke etwa an die vielen Muslime im Ort. Es darf keine Fremdbleibenden mehr unter uns geben. Das meine ich mit dem guten Leben miteinander, wozu dieser Stein, mahnend, uns aufruft. Der Stein soll entweder beim Anne-Frank-Gymnasium oder wie in Bodersweier an der Kirche installiert werden. In der Homepage unserer evangelischen Kirchengemeinde ( www.ekibi.de ) wird darüber berichtet.

Volker Kubach, Rheinbischofsheim