Karfreitag 2008 Mt 27, 19 Rheinbischofsheim

Mt 27,15-19 Jesu Verurteilung und Verspottung

Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. 16 Sie hatten aber zu der Zeit einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Jesus Barabbas. 17 Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? 18 Denn er wußte, daß sie ihn aus Neid überantwortet hatten. 19 Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.

Liebe Schwestern und liebe Brüder,

Jesus spricht am Kreuz zu Gott: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!

Und die Frau des Pilatus schickt einen Diener zu ihrem Mann und lässt ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.

Diese beiden merkwürdigen Ereignisse, Jesu Wort und die Botschaft der Frau des Pilatus, will ich hier einander gegenüber stellen. Sie sind wie Frage und Antwort, wie Ruf und Zuruf. Sie beziehen sich aufeinander, sie laden uns zu einer Beziehung ein, aus der heraus man leben kann, mitten in einer Hinrichtungsgeschichte und einer Geschichte, die ans Kreuz und in den Foltertod zielt.

Nach Lukas ist das erste Wort, das der geschundene Jesus am Marterpfahl spricht, jene Vergebungsbitte: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Sie wissen nicht, was sie tun. Sie wissen nicht, was sie tun sollten, sie wissen nicht, was sie lassen sollten. Sie sind nichtwissend, unbewusst. Carl Gustav Jung hat einmal gesagt: Die größte Sünde des Menschen ist seine Unbewusstheit. So ist es. Und darum geht es an dieser Stelle.

Es gibt wohl nur einen Menschen, der anders von Jesus gedacht hat. Das ist die Frau des Pilatus. Matthäus erzählt uns in seinem Evangelium, daß sie in der Nacht vor dem Verhör Jesu' einen sehr beunruhigenden Traum gehabt hat. „Ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen,“ lässt sie ihrem Mann ausrichten. Sie bittet ihren Mann, den Statthalter Pilatus, aufgrund dieses Traumes, Jesus freizugeben. Hab nichts mit ihm zu tun! Sie nennt Jesus sogar einen Gerechten, was bis auf den heutigen Tag eine der höchsten offiziellen Auszeichnungen im Judentum darstellt, nur wenigen als Titel übertragen – wie etwa unserem badischen Pfarrer Herrmann Maaß, der sich im Dritten Reich für Juden eingesetzt hat. Die Frau des Pilatus ist die einzige, die in der Zeit der Gefangennahme, der Folter und der Verhöre für Jesus eintritt. Nur die Stimme einer Frau erhebt sich für Jesus. Und dies wegen eines Traumes, der sie wie ein Albtraum bewegt hat.

Spüren Sie, liebe Schwestern, liebe Brüder, dieses Ungleichgewicht und diesen Zusammenprall von allgemeiner Unbewusstheit und der klaren Erkenntnis in der leisen Stimme eines Traumes? Da sind auf der einen Seite die professionellen Gesetzeslehrer, da berät und entscheidet eine große Gruppe von Männern, Parlamentariern, die Spitzen der Regierung, König Herodes und der von der Besatzungsmacht eingesetzte Pilatus. Da ist Stimmung gemacht worden im Volk, und alle wollen nun eins: den Tod des Jesus aus Nazareth! Da sind die Folterknechte, die Jesus redewillig schlagen, die Soldaten, die ihm noch das Letzte, seine Bekleidung, nehmen und sie unter sich aufteilen. Da sind die Zuschauer, die Gaffer, die sich weiden am Unglück und die natürlich, wie immer, schon jeher recht hatten und die es schon immer gewusst haben. Alle wollen, daß Jesus stirbt – und alle haben ihre guten Gründe dafür.

Diese große Zahl kluger und mächtiger Entscheidungsträger und Ausführungsorgane: Nichts haben sie verstanden, nichts kapiert von allem, was Jesus je gesagt und je getan hat, nichts haben sie erkannt von dem, wer Jesus ist. Unwissend töten die mächtigen Männer Gottes Sohn. Die, die auf der Höhe der Zeit stehen, schlagen das Höchste, was ist, an den Galgen. Sie töten Gott in ihrer Unbewusstheit, denn sie wissen nicht, was sie tun. Wohlgemerkt: Es ist nicht etwa rohe Gewalt, die sich hier austobt, es geht nicht um blinde Affekte, nicht nur um Macht im Verbund mit Dummheit, sondern: hier richten und verurteilen kluge und angesehene Leute.

Und auf der anderen Seite: nur der Traum einer Frau, die ansonsten keine Rolle in der Geschichte spielt. Einzig mit ihrem Traum, einem flüchtigen Nachtgesicht, mit dem man nichts in der Hand hat, den sie erzählt, damit hat sie einen Platz in der Weltgeschichte erhalten. Weil sie auf die Stimme ihrer Seele lauschte und ihren Traum ernst nahm, war sie auf der richtigen Seite. Nur ein Traum, aber darin hat sich, anders als in den Köpfen der Macher und Machthaber, die Wahrheit zu erkennen gegeben. Sie, die Frau des Pilatus, ist die einzig wirklich Wissende. Eine Insel im aufgewühlten Meer der Unwissenheit.

Darum, liebe Schwestern, liebe Brüder geht es: daß wir diesen Zusammenstoß an menschlicher Macht und herrschaftlichem Vermögen einerseits und der ohnmächtigen, aber wahren Stimme aus dem Unbewussten erkennen. Die ganze Geschichte vom Tod Jesu am Kreuz hat eine Botschaft für uns. Es ist keine leere Geschichte. Sie wird gewöhnlich gedeutet als der Sieg des Lebens über den Tod. Das ist völliger Unsinn! Es geht hier nicht um Sieg und Niederlage wie sonst in den Märchengeschichten des Alltags. Die Kreuzigung und, als wäre es eine Folge davon, die Auferstehung, wird gewöhnlich gedeutet und ausgelegt als Gottes Sieg über den Tod, weil Gott ein Gott des Lebens sei. Es sei der Tod etwa nicht aus der Hand Gottes! Ein Sieg des Lebens über den Tod: Das trifft die Geschichte von der Kreuzigung Jesu nicht wirklich. Es geht nicht um Leben gegen Tod. Sondern um Seele mitten im Meer der Unwissenheit. Daß es Seele gibt – als das nicht Verrechenbare in der Planbarkeit des Lebens. Seele, d.h. es gibt etwas darüber hinaus, es gibt mehr als das, was wir unter dem Rahmen von Leben und Tod verstehen. Es geht darum, daß unser Rechthabenwollen in Leid und Tod führt, und daß wir die Wahrheit und Gott erkennen, wo wir beginnen, auf die Stimme der Seele zu achten. Nicht der Tod ist das, was uns sterben macht, sondern unsere Eingebildetheit, die Art und Weise, wie wir uns behaupten und meinen, wir seien diejenigen, die das Sagen haben – das ist der Untergang; aber Gott - ist dort, wo wir leise sind, still werden können, mit dem Herzen hören, die Träume erlauschen, wo wir uns was sagen lassen, wo wir einen Weg gehen, der uns weiter führt auf dem Weg zu anderen, zu uns selbst und zu Gott. Das ist Seele. Das uns zugewandte Gesicht Gottes. Es geht darum, daß wir einen Zugang zu, bzw. eine Beziehung mit Seele bekommen, das läßt uns wirklich leben. Über Tod und Leben hinaus. Seele ist mehr. Jesus weiß es, die Frau des Pilatus auch. Sie sind, trotz allem, glücklich zu nennen. Amen